Vom Flair in die Sprechstunde

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Nachsorge: Christine Blecken zieht die Fäden, die der Festivalbesucher von Zuhause mitgebracht hat. Das medizinische Team hilft auch bei den kleinen Problemen gerne, bevor große daraus werden. Fotos: Sagawe

Eschwege. Sprechstunde ist von 10 bis 12 sowie zwischen 13 und 15 Uhr. In erster Linie die kleinen Wehwehchen werden behandelt. Arne Blecken begutachtet mal einen Wespenstich, verarztet eine harmlose Platzwunde oder sieht sich einen umgeknickten Fuß an. In den meisten Fällen kann den Patienten direkt vor Ort geholfen werden, manchmal wird der Besuch beim niedergelassenen Arzt in Eschwege empfohlen.

Arne Blecken ist Anästhesist mit Notarztausbildung und beim Open Flair Chef der medizinischen Abteilung. „Wir wollen unkonventionell helfen und sind gleichzeitig so etwas wie ein Filter, damit die Leute nicht wegen jeder Kleinigkeit in die Notaufnahme des Krankenhauses rennen müssen“, sagt der 36-Jährige.

Notfall: Laura Klug hat sich den Fuß vertreten. Arne Blecken legt einen Verband an. Die 21-Jährige kann die Unfallstation wieder verlassen. Damit die Schwellung zurüchgeht, bekommt sie einen Gel-Akku zur Kühlung mit.

Und natürlich steht das medizinische Notfallteam Backstage bereit, wenn die Bands auf der Bühne Gas geben und den Fans davor so richtig einheizen. Prellungen und auch schon mal ein umgeknickter Fuß gehören zum Alltagsgeschäft, ernstere Verletzungen sind eher selten. Umso härter der Punk und umso heißer die Stimmung, umso kürzer ist die Frequenz, mit der die Verletzten in der Notfallstation verarztet werden. Crowdsurfen geht nicht immer ganz ohne Blessuren ab.

Auf viel weniger dramatische Weise hat sich Laura Klug den Fuß verstaucht. Die 21-Jährige ist auf dem unebenen Gelände umgeknickt. Arne Blecken legt einen Verband an und gibt der jungen Frau einen Gel-Akku zum Kühlen mit. Den Verband kann die Patientin später selbst abnehmen. Der Mediziner gehört seit drei Jahren zum ehrenamtlichen Ärzteteam des Open Flair. „Der Job macht Spaß“, sagt er, „hier ist jeder gleich wichtig.“ Insgesamt zehn Ärzte teilen sich die mehr als einhundert Stunden Notfalldienst während des Festivals. Hinzu kommen die vielen Helfer der Roten Kreuzes. Ortsverbände aus dem ganzen Kreisgebiet sind im Einsatz, in diesem Jahr hilft sogar eine Einheit aus dem Landkreis Northeim - Arne Blecken kommt aus der Gegend.

Natürlich spielt Alkohol bei einem Festival wie dem Open Flair immer eine Rolle. Arne Blecken sagt aber auch: „Alkohol allein ist selten das Problem.“ Will heißen: Der volltrunkene Festivalbesucher, der allein deswegen behandelt werden müsste, weil er sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hat, ist die Ausnahme. Aber natürlich führen alkoholbedingte Ausfallerscheinungen zu Unfällen und die wiederum zu Verletzungen.

In jedem Fall - egal ob Krankheit oder Verletzung - jeder Notfall wird gründlich untersucht. Spricht die Diagnose nicht eindeutig für eine Entlassung, liegt aber auch keine akute Gefährdung vor, die eine klinische Behandlung erfordern würde, „wird der Patient beobachtet, bevor er wieder in die Veranstaltung entlassen wird“, erklärt Blecken.

„Es gibt Gesetze und Vorgaben, die müssen erfüllt werden - auch bei einem Festival“, sagt der Mediziner, „unsere Arbeit darf nicht zu einer Art Medizin light verkommen und das wird sie auch nicht.“

Von Harald Sagawe

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