Flucht vor Terror in Tschetschenien folgt Abschiebung aus Eschwege

Ein Bild aus glücklichen Tagen: (von links) Medina Islamova, Mutter Mondga Naaewa, Magomed Islamov und Maxalina Islamova bei einem vorweihnachtlichem Bummel. Foto: privat

Eschwege. In Eschwege baute sich eine Familie aus Tschetschenien ein neues Leben auf, doch dann folgte die Abschiebung.

Der Fall macht betroffen: Vor rund acht Jahren floh Mondga Naaewa mit ihren drei Kindern Medina Islamova, Magomed Islamov und Maxalina Islamova vor dem Terror in ihrem Heimatland Tschetschenien nach Deutschland. In Eschwege baute sich die Familie ein neues Leben auf, doch dann folgte die Abschiebung.

Die Nacht des 17. August wird die älteste Tochter Medina Islamova so schnell nicht vergessen. „Um drei Uhr sind die Beamten gekommen, meine Mutter und Geschwister hatten eine halbe Stunde, um ihr Hab und Gut zusammenzupacken“, schildert sie. Dann ging es zum Flughafen, von wo die drei nach Moskau ausgeflogen wurden. Medina Islamova selbst konnte hierbleiben, da sie eine vier Monate alte Tochter mit einem EU-Bürger hat.

Völlig unerwartet ist die Familie von der Abschiebung nicht getroffen worden: „Es gab ein Schreiben zur Ankündigung, aber ohne Datum“, sagt Medina Islamova. Deshalb habe sich die Familie von einem Anwalt vertreten lassen. Jetzt kämpft die 26-Jährige wie eine Löwin darum, dass ihre Familie zurückkehren darf: „Sie stehen in Tschetschenien vor dem Nichts, haben dort keine Unterkunft, keine Arbeit“, sagt sie.

Zudem habe die Familie in ihrem Heimatland Angst: Geflohen war Mondga Naaewa, nachdem Terroristen ihren Ehemann ermordet hatten und drohten, die Kinder zu entführen. Laut Medina Islamova hatten sie sich in Eschwege gut eingelebt: „Mein Bruder hatte eine unbefristete Stelle bei einer Zeitarbeitsfirma, meine jüngere Schwester wollte gerade eine Ausbildung zur Friseurin beginnen“. Zudem sei ihr Bruder aufgrund einer Hörbehinderung und ihre Mutter wegen der traumatischen Erlebnisse durch die Ermordung des Ehemannes auf medizinische Hilfe angewiesen. „Die bekommen sie in Tschetschenien nicht“, sagt die 26-Jährige. Ihre Mutter sei zudem suizidgefährdet, fügt sie besorgt an.

Sie macht die zuständige zentrale Ausländerbehörde am Regierungspräsidium in Kassel (RP) verantwortlich: „Die Abschiebung war ungerechtfertigt, wir haben nachgewiesen, dass wir unsere persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse geregelt haben“. Sie selbst wollte nach der Geburt der Tochter eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin beginnen, doch da die Mutter nun nicht mehr da sei, um auf ihre Tochter aufzupassen, könne sie das jetzt nicht mehr so einfach verwirklichen.

Verständnis für die Situation der Familie hat man auch am RP in Kassel, allerdings hätte die Behörde keine andere Wahl gehabt, als die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) angeordnete „Aufenthaltsbeendende Maßnahme“ umzusetzen.

„Die Familie hatte bis zuletzt auch auf mehrfache Aufforderungen hin keine gültigen Pässe vorgelegt, weshalb ein Aufenthaltsgenehmigungsverfahren nicht eingeleitet werden konnte“, sagt RP-Sprecher Michael Conrad. Er betont, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie in diesem Fall keine Rolle gespielt haben. „Die Familie wurde mehrfach und ausführlich über die Konsequenzen informiert“, sagt er. Solange die Pässe nicht vorgelegen haben, habe die Familie allerdings auch nicht abgeschoben werden können, erklärt Conrad: „Das Bamf hat die Pässe aufgespürt, das hat in diesem Fall eben mehrere Jahre gedauert.“

Der legale Weg für die Familie wäre es gewesen, ein Visum zu beantragen – dafür wäre dann der Nachweis einer Beschäftigung wichtig gewesen, betont der RP-Sprecher: „Diese Möglichkeit besteht jetzt allerdings nicht mehr, da die Familie nicht freiwillig ausgereist ist, gilt in den nächsten Jahren eine Visum-Sperre.“ Für Medina Islamova hingegen würden laut Conrad die Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung gut stehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare