Wenn Hilfe schadet

Fragen und Antworten: Menschen sollten junge Waldtiere nicht aufsammeln

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Süß, allein – und kerngesund: Unser Bild zeigt ein Rehkitz, das sich im hohen Gras einer Wiese verbirgt. Gefährlich wird die Situation für das Junge erst, wenn der Mensch unbedacht eingreift.

Werra-Meißner. Die Zeit, in der viele Waldtiere ihre Jungen bekommen, hat begonnen. Doch nicht jedes Tierbaby, das scheinbar hilflos am Waldesrand liegt oder sich im hohen Gras versteckt, ist wirklich in Not. 

Wer Rehkitz und Co. findet, sollte einige Verhaltensregeln beachten. Madeleine Kellmann, Jägerin aus Eschwege, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Müssen Spaziergänger, die beim Gang durch Wälder und Wiesen der Region ein Tierjunges finden, gleich vom Schlimmsten ausgehen?

Nein. Viele Tierfreunde haben den Impuls, sofort eingreifen zu wollen – doch der Nachwuchs benötigt in den seltensten Fällen tatsächlich Hilfe. Deshalb gilt: Im Zweifel besser zurückziehen oder, falls möglich, die Situation über einen längeren Zeitraum aus sicherer Entfernung beobachten.

Ist das regungslose Verhalten der Tiere kein Zeichen einer Notsituation?

Junge Rehe oder auch Feldhasen liegen in der Brut- und Setzzeit

etwa zwischen Mitte März und Anfang Juli – häufig geduckt und allein im Gras. Doch nicht etwa, weil sie von der Mutter verlassen worden sind, sondern um nicht von einem Fuchs oder anderen Feinden entdeckt zu werden. Die Mutter sucht währenddessen meist Nahrung und kehrt nach wenigen Stunden zu ihren Jungen zurück, um diese zu versorgen. „Wenn aber Menschen in der Nähe ihres Babys sind, bleibt sie fern“, mahnt Madeleine Kellmann.

Was passiert, wenn der Mensch trotzdem eingreift?

Sehr wahrscheinlich werden Rehkitze, Eichhörnchen-, Hasen- und Fuchsjunge von ihren Eltern nicht mehr angenommen und verstoßen. Schuld daran ist der menschliche Geruch durch das Anfassen des Tiernachwuchses mit bloßen Händen.

Jägerin Madeleine Kellmann

Wie verhält es sich mit jungen Vögeln?

Auch hier ist absolute Zurückhaltung gefragt. Viele Jungvögel verlassen ihr Nest bereits, bevor sich ihr Gefieder vollständig ausgebildet hat. „Hier kann der Schein also trügen“, sagt Madeleine Kellmann.

Gibt es Ausnahmen von diesen Verhaltensregeln?

Ja. Der Mensch kann eingreifen, wenn das Tier ganz offensichtlich eine Verletzung davongetragen hat oder akute Gefahr droht. Das kann zum Beispiel das Mähen einer Wiese, auf der ein Kitz liegt, mit großem Gerät sein. Ist ein Tier offensichtlich verletzt, muss es umgehend zum Tierarzt gebracht werden. Jäger und Förster sind zudem verlässliche und kompetente Ansprechpartner in solchen Fällen.

Welche Tipps gibt es außerdem, um den Tiernachwuchs zu schützen?

Während der Setz- und Brutzeit sollten sich Spaziergänger und Wanderer bewusst leise verhalten. Die offiziellen Wege durch Wald und Flur sollten nicht verlassen werden; Gleiches gilt für Reiter und ihre Pferde. „Hunde gehören beim Spaziergang unbedingt an die Leine“, sagt Madeleine Kellmann.

Vorsicht in der Brut- und Setzzeit 

Der Begriff Brutzeit nimmt Bezug auf das Brüten: Vögel halten die gelegten Eier warm, bis die Jungen schlüpfen. Die Setzzeit bezeichnet in der Jägersprache die Zeit, in der Haarwild Junge bekommt. In dieser wichtigen Zeit der Aufzucht des Nachwuchses dürfen etwa Jäger die Elterntiere nicht bejagen. 

Für Hundehalter gilt in dieser Zeit ebenfalls eine besondere Aufsichtspflicht auf und an allen Grünflächen – das schließt Wiesen, Felder und Wälder mit ein. Die entsprechenden Regelungen gelten zwischen dem 1. April und 15. Juli.

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