Prügelnde Partner

Einziges Frauenhaus des Kreises ist im ganzen Jahr voll belegt

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Werra-Meissner. Die Gewalt gegen Frauen im Werra-Meißner-Kreis lässt nicht nach: Allein in diesem Jahr suchten 40 Betroffene Schutz vor ihren Peinigern im kreisweit einzigen Frauenhaus in Eschwege. Auch 49 Kinder fanden dort einen Zufluchtsort.

„Das Frauenhaus ist ganzjährig entweder voll belegt oder sogar überfüllt“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Petra Schmitz vom Verein Frauen für Frauen – Frauen für Kinder im Werra-Meißner-Kreis. Die Auslastung des Hauses ist damit weitgehend gleich geblieben: In den Vorjahren lag die Zahl konstant zwischen 35 und 44 Frauen.

„Zugenommen haben in der vergangenen Zeit die Formen der psychischen Gewalt“, sagt Schmitz – die Frauen, die oft jahrelang unter häuslicher Gewalt litten, trügen neben den sichtbaren äußerlichen auch starke seelische Verletzungen davon. Häufig müssten sie psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Im Haus, in dem drei Wohnungen mit jeweils einem bis drei Zimmern zur Verfügung stehen, bleiben die Betroffenen im Durchschnitt drei Monate.

„Diese Zeit“, so Schmitz, „benötigen sie mindestens, um drei Phasen zu durchlaufen: Orientieren, zur Ruhe kommen und schließlich wieder selbst aktiv werden.“ Insgesamt drei Mitarbeiterinnen sind den Frauen während dieser Zeit bei der Finanzierung des Lebensunterhaltes sowie den nötigen Behördengängen behilflich. Angeboten werden seitens des Vereins kostenlose Beratungen und Informationen – sämtliche Gespräche sind vertraulich und unterliegen der Schweigepflicht. „Einzige Bedingung für die Aufnahme ist es, dass die Hilfesuchenden Gewalt erlebt haben müssen“, sagt Schmitz.

Als Auffangstelle für Obdachlose sei die Einrichtung nicht zu verstehen. „Oft bedingen aber die Probleme einander“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin. Im Schnitt sieben Jahre dauere es, bis eine Frau den Mut finde, ihren prügelnden Partner zu verlassen.

Betroffene erzählt: Vor dem Weg ins Frauenhaus liegt eine lange Leidensgeschichte

Einer der Partner, sagt Sabine S., verliere in einer Beziehung wie der ihren am Ende immer – und zwar Selbstachtung, Zeit und Freude am Leben. „Ich wollte nicht, dass ich das bin“, sagt die 38-Jährige. Ihr Ausweg: Das Frauenhaus Werra-Meißner. Lange habe sie für diese Entscheidung gebraucht, wurde geplagt von Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und Angstattacken.

Der Liebe wegen hatte die kaufmännische Angestellte vor elf Jahren ihre Heimat Frankfurt am Main verlassen. Als sie nach der Heirat ihr erstes Kind erwartete, zog die junge Familie in einen kleinen Ort im Werra-Meißner-Kreis. Als „lebenslustig, offen und voller Erwartung auf eine gute Zukunft“ beschreibt sich S. zu diesem Zeitpunkt.

Als sie mit dem zweiten Kind schwanger wurde, begann das Paar mit dem Umbau des Hauses. Ab diesem Zeitpunkt habe sich die Beziehung verschlechtert, sagt die 38-Jährige: „Wir haben uns mit dem Umbau übernommen.“ Ihr Mann sei oft gereizt gewesen, habe an allem herumgenörgelt: „Nichts konnte ich ihm recht machen.“ Seine Kritik an der Kindererziehung, ihrer Art, den Haushalt zu führen – all das gab Anlass zum Streit. Dazu kam, dass S. sich noch immer isoliert und fremd im Ort fühlte – ein Auto besaß sie nicht. Auch die Kinder begannen, unter dem Streit der Eltern zu leiden.

Als sie eine Freundin in Frankfurt besuchen will, kommt es zum Eklat: Ihr Mann versucht, sie zurückzuhalten und verdreht ihr den Arm so sehr, dass sie blaue Flecken an Armen und Schultern davonträgt. „Zuvor hat er mich nur mal rüde vom Kühlschrank weggeschubst“, sagt S. Gern würde sie den Ehemann verlassen – „glaub ja nicht, dass ich dir Geld gebe“, habe der geantwortet. Der Frankfurter Freundin sei schließlich aufgefallen, wie „misstrauisch, voller Selbstzweifel und ängstlich“ sie geworden sei.

Einen Schlussstrich gezogen habe sie aber immer noch nicht. „Erst als Angstattacken dazukamen, habe ich eine Beratungsstelle aufgesucht“, sagt S. „Ich hatte Angst, nicht mehr für meine Kinder da sein zu können.“

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Von Emily Spanel 

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