„Besser auf der grünen Wiese“ - Interview mit Dr. Claus Wenzel, Sprecher der Freien Wähler

Die Baulücke an der Forstgasse soll Bauplatz für das neue Kreishaus werden
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Baulücke im Herzen der Innenstadt: Nach dem Abriss im September 2017 gibt es an der Baustelle, wo der Verwaltungsneubau entstehen wird, nur kleine Fortschritte. Die nächste Bauphase beginnt im September mit den Erd- und Kanalarbeite n. Dann folgt der Lückenschluss. Geplante Fertigstellung: März 2022. 

Die Freien Wähler machen regelmäßig mit kontroversen Stellungnahmen und Themenschwerpunkten auf sich aufmerksam. Die bürgerliche Alternative hat regen Zulauf. 

Vierbach– Die FWG macht regelmäßig mit kontroversen Stellungnahmen und Themenschwerpunkten auf sich aufmerksam. Im Kreistag haben sie mit zehn Prozent der Sitze mittlerweile Gehör gefunden. Wir sprachen mit dem Kreisvorsitzenden Dr. Claus Wenzel über die Besonderheiten der Freien Wähler, über Dinge, die aus ihrer Sicht im Werra-Meißner-Kreis besser gemacht werden müssen, und den heutigen Schulstart.

Die FWG expandiert. In Wanfried wurde gerade ein neuer Ortsverein gegründet. Was versprechen Sie sich davon, in der einzigen Kommune im Werra-Meißner-Kreis, in der die CDU die absolute Mehrheit hält, eine bürgerliche Alternative anzubieten?

Grundsätzlich ist Wettbewerb in der politischen Landschaft doch gut. Vielleicht können wir dafür sorgen, dass die Fraktionen im Stadtparlament eine noch bessere Arbeit machen. Dazu wünsche ich uns im März ein gutes Wahlergebnis, damit wir unseren Sachverstand ins Parlament einbringen können.

Die FWG fällt immer wieder durch klare Statements auf. Warum ist sie im Vergleich zu anderen Fraktionen besonders?

Unser Anspruch ist, bürgernah und sachorientiert zu agieren. Als Wählergemeinschaft unterliegen wir obendrein keinem Parteienzwang und auch keinem Fraktionszwang. Jeder Abgeordnete handelt nach bestem Wissen und Gewissen.

Der Werra-Meißner-Kreis ist der einzige Landkreis in Hessen, in dem die AfD nichts zu sagen hat. Schreiben Sie das der FWG zugute?

Darüber dürfen sich alle Parteien im Kreistag des Werra-Meißner-Kreises freuen und das soll auch so bleiben.

In Bayern ist die FWG drittstärkste Kraft. In Hessen sitzen sie nicht mal im Landtag. Woran liegt das?

In Bayern wurden schon vor 40 Jahren die Partei Freie Wähler gegründet. In Hessen war es erst 2009 so weit, im Werra-Meißner-Kreis erst 2017. In Bayern dauerte es auch drei Anläufe, bis die Freien Wähler in den Landtag eingezogen sind. Heute stellen sie dort aber schon 14 Landräte.

Ist das auch ein Ziel der FWG Werra-Meißner, den Landrat zu stellen?

Da müssen wir die Wähler fragen. Die Frage kann ich heute noch nicht beantworten. Das müssen wir entscheiden, wenn es so weit ist.

Von 6,2 Prozent 2006 sind die Stimmanteile der FWG 2016 auf 10,6 Prozent gestiegen. Was rechnen Sie sich für die Kommunalwahl im März aus?

Ein zweistelliges Ergebnis sollte es wieder sein. Das entscheiden die Wählerinnen und Wähler.

War der Lockdown schädlich für die FWG?

Nein, weil wir digital gut aufgestellt waren. Fraktionssitzungen haben wir per Videokonferenz abgehalten und so sogar öffentliche Veranstaltungen durchführen können. Über die Coronazeit haben wir einen Mitgliederzuwachs von 20 Prozent zu verzeichnen.

Welche Probleme müssen im Werra-Meißner-Kreis angegangen werden?

Auf jeden Fall muss die ärztliche Versorgung verbessert und das schnelle Internet vorangetrieben werden. Der Breitbandausbau geht uns nicht schnell genug voran. Wie wichtig dieses Thema ist, hat der Lockdown gezeigt. Die FWG will sich außerdem dafür einsetzen, dass die Straßenausbaubeiträge auch in den Kommunen wie Hessisch Lichtenau, Bad Sooden-Allendorf oder Witzenhausen abgeschafft werden. Außerdem fordern wir dezentrale Stromlösungen anstatt einer Stromautobahn wie dem Südlink.

In Sontra bemüht man sich schon seit etwa einem Jahr erfolglos, Ärzte für das interkommunale Gesundheitszentrum zu bekommen. Wie will die FWG das schaffen?

Die Angebote für Hausärzte müssen attraktiver werden. Der Job muss – insbesondere für Ärztinnen – mit dem Familienleben vereinbar sein. Außerdem schlage ich vor, dass Kommunen ausgestattete Arztpraxen vermieten, um die Hürde der hohen Investitionen abzubauen. Mehr Studienplätze sowie ein Landarzt-Stipendium könnten ebenfalls helfen, junge Mediziner an die ländliche Region zu binden.

Der Um- und Ausbau der Kreisverwaltung in Eschwege zieht sich nach wie vor, sichtbare Fortschritte fehlen. Was hätte die FWG anders gemacht?

Vielleicht wäre es doch besser gewesen, auf der grünen Wiese zu bauen. Hinterher ist man aber immer schlauer. Wir hätten uns auf jeden Fall gewünscht, den Architektenvertrag professioneller abzusichern. Dann hätte man bei einer Kostensteigerung den Vertrag beispielsweise kündigen können. Von der Vertragsgestaltung sind wir enttäuscht. Außerdem hatten wir seinerzeit bereits angeregt, mehr Homeoffice-Arbeitsplätze einzuplanen. Das wäre nicht möglich, wurde uns damals gesagt. Der Lockdown hat aber gezeigt, dass es doch möglich ist.

Heute startet der Unterricht an hessischen Schulen wieder. Sie sind nicht nur Lehrer, sondern auch Kreisvorsitzender des Deutschen Lehrer-Verbands Hessen. Ist Ihnen bange vor dem Schulstart?

Nein, ich freue mich darauf, dass es wieder losgeht. Die Schüler haben Anspruch auf Unterricht und die Eltern müssen nach harten Monaten im Frühjahr wieder entlastet werden. Wenn sich jeder verantwortungsbewusst verhält, sehe ich kein Problem durch den Schulstart.

Gehört zum Verantwortungsbewusstsein auch das Tragen von Masken im Unterricht?

Das ist schwierig und muss situativ nach Bedarf entschieden werden. Durch die Durchfeuchtung bei warmen Temperaturen besteht sogar ein höheres Infektionsrisiko. Außerdem habe ich mich mit Kollegen unterhalten. Gerade in Fächern, die sich auf Sprache fokussieren, ist die Mimik besonders wichtig. Durch schlechte Akustik kann es außerdem zu Missverständnissen kommen.

Was würde ein zweiter Lockdown für den Werra-Meißner-Kreis bedeuten?

Auch wenn die Infektionszahlen gering sind, leben wir im Werra-Meißner-Kreis nicht auf einer Insel. Deswegen müssen wir weiter verantwortungsbewusst handeln, um einen zweiten Lockdown mit allen Mitteln zu verhindern. Die Wirtschaftsleistung des Kreises liegt ohnehin schon unter dem Durchschnitt des Bruttoinlandproduktes. Der wirtschaftliche Schaden und ein erneuter Ausfall des Präsenzunterrichts hätten enorme Folgen für den Kreis.

Zur Person: 

Dr. Claus Wenzel, Vorsitzender der Freien Wähler im Werra-Meißner-Kreis

Dr. Claus Wenzel (46) wurde in Eschwege geboren und ist in Vierbach aufgewachsen, wo er immer noch lebt. 1993 hat er am Beruflichen Gymnasium in Eschwege sein Abitur abgelegt. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann hat er in Kassel Wirtschaftspädagogik studiert. Nach dem Referendariat 2001 an den Beruflichen Schulen in Eschwege wurde er hier später auch Oberstudienrat. Wenzel ist Kreisvorsitzender des Deutschen Lehrer-Verbands Hessen (DLH). Während der Oberstufe war Wenzel Mitglied der Jungen Union. Seit 2008 sitzt er für die FWG im Gemeindeparlament von Wehretal, seit 2016 im Kreistag. Seit 2017 ist er Kreisvorsitzender der FWG. Wenzel ist verheiratet und hat zwei Söhne. 

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