Ein ganz besonderer Geburtstag: Charlotte Wagner hat 100 Jahre Geschichte erlebt

Kurz vor der Flucht entstand dieses Porträt von der damals 25-Jährigen im Jahre 1944. Foto: privat

Am heutigen Freitag vor 100 Jahren kam Charlotte Wagner in Stettin zur Welt. Sie feiert im Seniorenheim am Brückentor in Eschwege ihren besonderen Geburtstag.

Nur ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges geboren, wuchs Charlotte Wagner in einer bürgerlichen Familie auf, die es ihr ermöglichen konnte, ein Gymnasium zu besuchen trotz Weltwirtschaftskrise.

„In den Schulferien habe ich gerne das Stadtleben gegen einen Besuch auf dem Bauernhof eingetauscht“, erinnert sie sich. Nachdem Charlotte ihre Schullaufbahn und ein Lehramtsstudium beendete, fing sie 1941 in der heute polnischen Region Warthegau im Landkreis Konin an zu unterrichten. „Alle Fächer habe ich unterrichtet an der Volkshochschule“, erzählt die Jubilarin. Damals habe sie das unterrichten müssen, was gerade gebraucht wurde.

Im gleichen Jahr lernte sie Josef Wagner kennen. Nur ein Jahr später, im März 1942, heiratete das Paar. „Das ging alles ganz schön schnell“, lächelt sie. Denn nur fünf Monate nach der Hochzeit kam Tochter Adelheid zur Welt.

Im Januar 1945 machte sich das Herannahen der Roten Armee bemerkbar, und die deutsche Bevölkerung aus Pommern flüchtete gen Westen. So verließen auch das Ehepaar Wagner zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter Adelheid und Charlottes Mutter ihre Heimat. „Wir hatten auf dem Weg immer noch die Hoffnung, dass wir zurückkehren können. Deshalb haben wir den Weg etappenweise zurückgelegt“, erzählt sie.

Als sie nach vier Monaten im April 1945 in Kärnten, Österreich, ankamen, war jede Hoffnung aufgegeben. Insgesamt mussten damals rund sieben Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen. In Kärnten gestrandet, fand das Ehepaar dort seinen Lebensmittelpunkt. Die Wagners wohnten in der Stadt Sankt Veit an der Glan und bauten dort ein eigenes Haus.

Wenn Charlotte Zeit hatte aus der hausfraulichen Arbeit und dem sehr strukturierten Alltag auszubrechen, dann tat sie dies sehr gerne mit einem Besuch des Theaters in Klagenfurt am Wörthersee. Als ihr Ehemann im Alter von 97 Jahren im Jahr 2008 starb, zog die damals 89-Jährige aus Kärnten zu ihrer Tochter Adelheid, die es bereits vorher nach Nordhessen verschlagen hatte, in das beschauliche Dorf Jestädt. 2015 bezog das Geburtstagskind ihr heutiges Zuhause, das Seniorenheim am Brückentor in Eschwege.

„Ich fühle mich hier so wohl wie noch nie.“ Mit ihrer liebsten Mitbewohnerin Elfriede Grebestein lässt sie keine Veranstaltung im Heim sausen. „Ich turne, gehe zum Singen und kegel gerne.“ Auch schreibt sie jedes Jahr an Weihnachten viele Karten an alte Freunde aus Kärnten. Einige davon reisen heute an, um beim 100. Geburtstag von Charlotte Wagner in Eschwege dabei zu sein.

Von Carolin Eberth

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