100 Jahre Gefängnis-Geschichte

Am Eschweger Schulberg saßen Verbrecher einst ihre Haft ab

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Auf den Spuren der Vergangenheit: Historiker Jochen Schweitzer stattete dem ehemaligen Eschweger Gefängnis auf dem Schulberg einen Besuch ab. Heute ist dort das Studienseminar der Universität Kassel für die Lehrerausbildung untergebracht.

Eschwege. Es ist nur noch ein Schild an der Außenfassade, das auf die Geschichte des roten Sandsteinbaus an der Werragasse 1 unterhalb des Schulbergs aufmerksam macht. Das Haus war einst 100 Jahre lang ein Gefängnis. 

Der aus Eschwege stammende und zum Widerstand gegen das NS-Regime in der Region forschende Historiker Jochen Schweitzer, der auch über NS-belastete Straßennamen in Eschwege informierte,  besichtigte das Haus gestern. Doch auch innen war nichts mehr von der früheren Funktion zu sehen.

Im Jahr 1967 widmete sich K. Heinz Bintzer in seinem Buch „Vom Wehrturm zum Kerker und Gefängnis – Die Gebäude der Eschweger Gefängnisse“ dem Thema.Bis 1867 waren verurteilte Verbrecher im Dünzebacher-Tor-Komplex untergebracht. Neun Zellen gab es dort. Das reichte Mitte des 19. Jahrhunderts ob der steigenden Zahl von Häftlingen nicht länger aus. Auch bot die leichte Bauweise keine sichere Verwahrung.

Platz für 25 Gefangene

Daher plante man zu Beginn der 1860er-Jahre einen Neubau mit acht größeren Zellen für bis zu 25 Gefangene – in einem ausbruchsicheren Areal. Die Wahl fiel auf den Schulberg, ursprünglich Cyriakusberg genannt. Dort entstand jener massive rote Sandsteinbau. „Ein Gefangenenwärter, dessen Wohnung im Erdgeschoss lag, konnte die Häftlinge ständig beaufsichtigen und hatte sie auch zu verköstigen“, schrieb K. Heinz Bintzer. In der Küche der Dienstwohnung, mit 13 Quadratmetern nicht sehr geräumig, bereitete die Frau des Wärters Mahlzeiten zu.

Große Renovierung 1960

Belege für die Gefangenenzahl existieren aus den ersten Jahren nicht mehr, die Quellen reichen nur bis in die 1920er-Jahre zurück. 15 bis 17 sollen es gewesen sein. Die Frau bekam ein kleines Taschengeld, der Wärter einen „spärlichen Obolus“. Fast 100 Jahre lang ist an dem Gefängnis baulich kaum etwas verändert worden – ausgenommen der Einbau von Toiletten mit Spülung. Der Sandsteinbau stand, das Innere aber bedurfte nach 100 Jahren einer gründlichen Renovierung. 50.000 D-Mark flossen 1960 in den zukunftsorientierten Umbau. Es schien so, als sollten noch viele Jahre lang Ganoven dort einsitzen.

Ausbruch nach 100 Jahren

Doch es kam anders. Exakt 100 Jahre nach der Einweihung brachen vier Männer aus, indem sie sich durch die Gitterstäbe ihre Zelle zwängten und an der Dachrinne und dem Blitzableiter in die Freiheit flohen. Das war die offizielle Legitimation für die Schließung. Übergeordnet war dem wohl die Zentralisierung in großen Gefängnissen wie dem Hiesigen in Kassel.

• Eine große Rolle in der Geschichte des Gefängnisses spielt auch die zur „Schutzhaft“ dort untergebrachten Gegner der Nationalsozialisten. Informationen dazu gibt es in unserer Montagsausgabe im Bericht über Jochen Schweitzers Vortrag zu dem Thema am Samstag in Eschwege.

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