Genisa in Bananenkartons

Judaistik-Professor bewertet Dachbodenfund von Abterode

Ein Mann hält ein altes Schriftstück in der Hand. Der Mann lächelt.
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Informierte die „Freundinnen und Freunde des jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ per Videoschalte: Prof. Dr. Andreas Lehnardt von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Im Judentum dürfen religiöse Bücher und Schriftrollen, wenn sie abgenutzt sind, nicht weggeworfen werden. Man übergibt sie einer sogenannten Genisa. „Eine Genisa stellt kein Archiv dar, sondern ist ein Ort, an dem man einmal für den Kult verwendete, geheiligte, aber nicht mehr brauchbare Objekte der Zeit übergibt“, erklärt Dr. Andreas Lehnardt, Professor für Judaistik an der evangelisch-theologischen Fakultät der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Abterode –Ein solcher Fund wurde 1988 auf dem Dachboden der ehemaligen Synagoge in Abterode gemacht, der jedoch auf rätselhafte Weise wieder verschwand, und erneut gefunden werden musste. Der Verein „Freundinnen und Freunde des jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ und die Jüdische Liberale Gemeinde „Emet we Schalom Nordhessen“ erzählten diese Woche im Lern- und Gedenkraum der Synagoge in Abterode die wechselvolle Geschichte des Genisa-Fundes.

Zehn Personen konnten live dabei sein, alle übrigen waren über Video zugeschaltet, ein Format, das für Dr. Martin Arnold, den Vorsitzenden der „Freunde“, nicht nur in Pandemie-Zeiten zukunftsweisend ist. In einem Interview erzählten der Kunsthistoriker Dr. Thomas Wiegand und der damalige Stadtarchivar Dr. Karl Kollmann wie sie 1988 das Material in Augenschein nehmen konnten, fotografierten und eine Ausstellung darüber machten. Danach waren die Gegenstände aber unauffindbar. Gerüchte machten die Runde, sie seien verkauft worden. Erst als Andreas Heimann 2017 die Pfarrstelle in Abterode antrat und eine Abstellkammer beim Pfarrhaus entrümpelte, zeigte sich, dass die historischen Dokumente noch da waren. Pfarrer Eberhard Laukner, der beim Sortieren half, fand sie in zwei Bananenkartons. Was darin lag: Reste einer großen Pergamentschriftrolle und zahlreichen Blätter zerschlissener Bücher in hebräischer Schrift sowie Textilien, darunter ein Tora-Wimpel (Mappa), die Überreste von Gebetsschals und Gebetsriemen. Dr. Martin Arnold, damals Dekan, gewann Professor Lehnardt, der die jüdischen Gegenstände begutachtete.

Per Video-Schalte aus Mainz trug er nun seine Ergebnisse vor: Unter anderem stammen die Seiten aus Gebetbüchern und Bibeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert und können teilweise ihren Eigentümern zugeordnet werden, Abteröder Juden, wie Daniel Westheim, der 1914 verstarb. Bei der Esther-Rolle handelt es sich um ein Pergamentrolle Endes 18. oder Anfang 19. Jahrhundert. Der bestickte Thora-Wimpel, der zur Beschneidung eines Knaben gestiftet wird, könnte zwischen 1773 und 1778 angefertigt worden sein. „Die Genisa von Abterode bewahrt nur einen relativ kleinen, aber dennoch charakteristischen Bestand“, fasst Lenhardt zusammen. „Bemerkenswert bleibt, dass viele der nachgewiesenen Bücherreste der Kleinkindererziehung dienten.“

Die online übertragene Veranstaltung wertet Dr. Martin Arnold als Erfolg, da sich Nutzer weit über die Region hinaus zuschalteten, unter anderem eine Wissenschaftlerin des Judaistik-Instituts Göttingen, die bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung helfen möchte.

Von Kristin Weber

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