Sarkasmus und Realität

Bernd Gieseking blickt satirisch auf das Jahr 2019 zurück

+
Hat recycelt, was die Politiker in den Gelben Sack geworfen haben: Bernd Gieseking bei seinem satirischen Jahresrückblick.

Bernd Gieseking hat ein besonderes Talent: Abwechslungsreich überfliegt er im Rückblick alle Ereignisse und Persönlichkeiten des Jahres, ohne an abgedroschenen Stellen zu verharren.

Was ist die Aufgabe eines Kabarettisten? „Die Parteien tun alles in einen Gelben Sack und wir recyceln es dann“, erklärte Bernd Gieseking bei seinem traditionellen, satirischen Jahresrückblick im E-Werk. Auch in diesem Jahr haben ihm Politik und Gesellschaft mehr als genug Material geliefert.

Eine große Herausforderung im Kabarett sei, das nicht jedes Jahr dieselben Politiker und Promis auf den Arm genommen werden: „Manche haben dafür einfach ein Talent!“. Alexander Gauland, Martin Schulz, Friedrich Merz, Boris Johnson und Donald Trump bieten immer genügend Unterhaltungspotenzial. Aber genau hier liegt Giesekings Talent: Abwechslungsreich überfliegt er alle Ereignisse und Persönlichkeiten des Jahres, ohne an längst abgedroschenen Stellen zu verharren.

„Er scheut sich nicht, die Wahrheit zu sagen, und verliert bei allem Humor niemals den Bezug zur Realität“, fasst Thorsten Chlosta, langjähriger Besucher des Jahresrückblicks, treffend zusammen. Gieseking greift reale Ereignisse und Probleme auf, unternimmt mit ihnen eine heitere Reise in die Welt des Sarkasmus und führt sie wieder zurück in die Realität - ganz ohne verletzend oder ordinär zu sein. Gerade bei sensiblen Themen wie Hass im Netz und Rechtsradikalismus oder solchen, die ihn bewegen, spricht er Klartext: „5G-Mobilfunk braucht viel dichtere Masten und mehr Strom, dabei können wir gar nicht so schnell tippen wie die Daten fließen. Wir brauchen flächendeckendes 4G/LTE“, erklärt er fachlich untermauert. Aber auch Nachrufe passen problemlos in sein Programm: „Das sind Themen, bei denen ich nicht einmal daran denke, humorvoll zu sein“. Gieseking beweist ein Maß an Feingefühl und Pietät, das manch einem Comedian im Fernsehen und Internet als Vorbild dienen sollte.

„Dieses Jahr ist für mich das Jahr der Kinder: Greta Thunberg, der Youtuber Rezo, Sebastian Kurz und Philipp Amthor“, zählt der Kabarettist auf. Amthor werde der nächste Bundeskanzler: Er ist der jüngste Abgeordnete der CDU und wirke wie der älteste; das sei perfekt für die Rentner in der konservativen Wählerbasis. „Mit anderen Worten: die CDU arbeitet mit dem Enkeltrick“. Gleichzeitig sei dieses Jahr das Jahr der Frauen: Luisa Neubauer, Carola Rackete, Greta Thunberg und Annegret Kramp-Karrenbauer haben Deutschland geprägt. „Und wo sind die Männer geblieben? Der Einzige, der international etwas bedeutet ist Jürgen Klopp! Uli Hoeneß und John Bercow haben hingeschmissen - und der Söder umarmt jetzt Bäume!“. Kernelement von Giesekings Auftritten ist ein antikes, weißes Telefon mit Wählscheibe; von Katarina Barley („die Allzweckwaffe der SPD“) oder Karl Lagerfeld erhält er Live-Anrufe, die zwar weniger mit schauspielerischem Talent als mit kurzweiligem Sarkasmus unterhalten.

Gieseking hält den Ball bei seinen Pointen in diesem Jahr verhältnismäßig flach – dafür versteckt er umso mehr Realität und noch mehr Sinn in seinem Programm.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare