ALFA-Mobil

Ehemaliger Analphabet macht Betroffenen Mut, ihr Schicksal zu ändern

Wollen über Analphabetismus aufklären: (von links) Birgit Elbracht (FBS), Lena Schill (Werra-Meißner-Kreis), Gabriele Schieseck (Werraland Lebenswelten), Christine Horn (FBS), Peter Schmitz (Lernbotschafter), Juliane Averdung, Niklas Pilsczek vom Alfa-Mobil) und Judith Rode von der Stadtbibliothek.
+
Wollen über Analphabetismus aufklären: (von links) Birgit Elbracht (FBS), Lena Schill (Werra-Meißner-Kreis), Gabriele Schieseck (Werraland Lebenswelten), Christine Horn (FBS), Peter Schmitz (Lernbotschafter), Juliane Averdung, Niklas Pilsczek vom Alfa-Mobil) und Judith Rode von der Stadtbibliothek.

„Ich habe in meiner eigenen Welt gelebt“: Analphabetismus betrifft deutlich mehr Menschen, als man denkt. Ein ehemaliger Betroffener will nun Mut machen.

Eschwege – „Hätte ich früher Lesen und Schreiben gelernt, wäre mein Leben anders verlaufen“. Peter Schmitz hat es geschafft, seinen Analphabetismus 45 Jahre lang zu verbergen. „Ich habe in meiner eigenen Welt gelebt.“ Damit er über aktuelle Themen informiert blieb, hörte er viel Radio und setzte sich in Cafés, um den Gesprächen anderer Menschen zu lauschen.

Irgendwann wollte er seinem Schicksal entkommen und lernte als erwachsener Mann Lesen und Schreiben. Heute ist er Lernbotschafter des Alfa-Mobils für Analphabeten.

Unterwegs mit dem Alfa-Mobil klärte die Evangelische Familienbildungsstätte Werra-Meißner jetzt auf dem Eschweger Marktplatz über das Thema auf. Ziel sei es, Analphabetismus zu enttabuisieren und darüber aufzuklären, dass solche Defizite nichts mit Intelligenz zu tun haben. „Nicht die Analphabeten müssen sich schämen, sondern das Schulsystem“, sagt die stellvertretende Leiterin der Familienbildungsstätte Birgit Elbracht.

Es kann psychische, kulturelle oder bildungsbedingte Gründe haben, weshalb Erwachsene Defizite beim Lesen oder Schreiben haben. Das Alfa-Mobil ist gezielt für das mitwissende Umfeld von Analphabeten ein Anlaufpunkt. Man kann sich über mögliche Hilfsstellen und Angebote informieren.

Probleme hat er nicht geäußert, weil er Angst hatte

Peter Schmitz ist Legastheniker und hat Probleme mit seinem Gehör. Viele Worte und Buchstaben hören sich für ihn identisch an, weshalb er das Lesen und Schreiben in der Schule nie richtig lernen konnte. Seine Probleme hat er nicht geäußert, weil er Angst hatte. Er besuchte erst mit 45 Jahren einen Alphabetisierungskurs.

Trotz seiner Legasthenie arbeitete er 25 Jahre in einer Fabrik. Er kam in eine Abteilung, in der Buchstaben keine Rolle spielten. Die Nummern der Artikel speicherte er sich so ab, dass Schrift kaum eine Rolle spielte und wenn doch, gab er die Aufgaben ab. So konnte er seine Schwäche über viele Jahre hinweg verbergen.

Als die Fabrik geschlossen wurde, wurde der Druck größer. In einer Volkshochschule lernte er Lesen und Schreiben, um in einem neuen Beruf starten zu können. An fünf Tagen in der Woche, viereinhalb Jahre lang besuchte er einen Schreibkurs. „Das Lesen und Schreiben hat mir eine andere Welt eröffnet. Ich kann mich jetzt in den Zug setzen, bei Gesprächen meine eigene Meinung vertreten und bin dadurch selbstbewusster geworden.“

1600 Menschen in Eschwege betroffen

In Eschwege sind laut statistischen Erhebnungen rund 1600 Menschen von Analphabetismus betroffen. Um ihnen zu helfen und sie zu unterstützen, besteht im Werra-Meißner-Kreis das Netzwerk-Alpha. Verschiedene Institutionen bieten beispielsweise Lerncafés, anonyme Beratungen, Lese- und Schreibkurse, Vorlesepaten und mehr an. Zu den Kooperationspartnern gehören die Stadtbibliothek Eschwege, die Familienbildungsstätte/Mehrgenerationenhaus in Eschwege, der Werra-Meißner-Kreis, die Werraland-Lebenswelten, das Jobcenter und die Volkshochschule Werra-Meißner. 

Anlaufstellen: Das Alfa-Telefon berät anonym telefonisch unter 0800/53 33 44 55 oder die Familienbildungsstätte unter 0 56 51/ 3 33 22 75.

Das Leben hat sich für Peter Schmitz verändert. Er sagt von sich, dass er gerne früher Lesen und Schreiben gelernt hätte, damit er einen anderen Beruf hätte ausüben können. Er wünscht sich von der Gesellschaft mehr Unterstützung und möchte eine Botschaft vermitteln: „Wenn man jemanden kennt, der Defizite beim Lesen oder Schreiben hat, muss man die Person unter vier Augen ansprechen und ihr Mut machen. Man ist nicht alleine“.

In der Eschweger Stadtbibliothek stehen beispielsweise etwa 120 Bücher zur Verfügung, die einen anderen Wortschatz, kürzere Sätze und ein anderes Schriftbild haben. Bekannte und „erwachsenengerechte“ Literatur wurde in leichte Sprache übersetzt,

In der Zukunft plant das Netzwerk, das Angebot zu erweitern. Mit einer Computerhilfe oder auch einfach erklärten Anträgen möchten es noch mehr im alltäglichen Leben unterstützen und Teilhabe in der Gesellschaft ermöglichen. „Lesen und Schreiben kann Leben retten“, so Christine Horn von der Familienbildungsstätte, egal ob Anträge, Informationen bei Ärzten oder Beipackzettel von Medikamenten.

Von Patrizia John

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare