An jüdische Kultur erinnern - Verein gründet sich heute 

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Planen die Gründung des Vereins: (von links) Lutz Bergner, Ludger Arnold, Andrea Röth und Dr. Martin Arnold.

Ein Verein Freunde jüdischen Lebens gründet sich heute in Abterode. Zu den Akteueren gehören unter anderem Dekan Dr. Martin Arnold und der verein Aufwind.  

Werra-Meißner– Während in Deutschland nach den Anschlägen von Halle eine Diskussion über Antisemitismus und den Schutz der jüdischen Kultur läuft, wird sich im Werra-Meißner-Kreis der Verein „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens“ formieren. Die Gründerversammlung findet heute Abend um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus von Abterode statt. Jedermann ist herzlich eingeladen, sich in dem Verein zu engagieren.

Mit Aufklärung gegen Antisemitismus 

Dr. Martin ArnoldDekan Kirchenkreis Eschwege

„Gerade in Zeiten, in denen antisemitisches Gedankengut wieder zunimmt, sehen wir die Notwendigkeit, mit Aufklärung und Erinnerung dagegenzuhalten“, sagt Dekan Dr. Martin Arnold. Die Initiative geht auf den Arbeitskreis „Spuren jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner“ zurück. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, Orte des jüdischen Lebens im Landkreis wiederzuentdecken.

Jüdisches Leben prägte einst die Region

Dabei sind die Spuren jüdischer Kultur heute gering. Synagogen wie in Abterode, Harmuthsachsen, Witzenhausen oder Eschwege und insbesondere jüdische Friedhöfe wie in Wanfried, Hebenshausen oder Sontra zeugen davon, dass jüdisches Leben die Region einmal geprägt hat. 1933 war der Anteil der Juden an der Bevölkerung im Kreisgebiet überdurchschnittlich hoch. Lag ihr Anteil im Deutschen Reich bei 0,76 Prozent, waren es im Landkreis 1,6 Prozent. In Eschwege machten Juden 3,1 Prozent der Bevölkerung aus, in Abterode elf Prozent. Am 1. Dezember 1933 lebten 749 Juden im Landkreis Eschwege.

Heute keine jüdische Gemeinde mehr im Werra-Meißner-Kreis

Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in der Region. Zahlen, wie viele Menschen jüdischen Glaubens hier leben, kann auch der Werra-Meißner-Kreis nicht liefern. Gläubige fahren in die Gemeinden nach Kassel, Göttingen, Fulda oder Felsberg.

Ein Problem mit Antisemitismus gibt es nach Angaben des Demokratiezentrums Hessen im Werra-Meißner-Kreis selten. Im vergangenen Jahr waren es zwei Vorfälle. Hessenweit sei das weit unter dem Durchschnitt. Martin Arnold und Andrea Röth führen das auf ein hohes zivilgesellschaftliches Engagement gegen rechte Tendenzen zurück. Die Initiative Bunt statt braun gehört dazu. „Für uns ist die Tat von Halle eine erneute Mahnung, konsequent gegen Antisemitismus aufzustehen“, sagen sie. 

Verein soll Engagement nachhaltig sichern 

Bei der Gründungsversammlung des Vereins „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ werden die bereits ausgearbeitete Satzung des Vereins vorgestellt und ein erster Vorstand gesucht. Zur Gründung rufen Präses Ludger Arnold, Dekan Dr. Martin Arnold, Rechtsanwalt Dr. Lutz Bergner und Andrea Röth (Aufwind) auf. Ludger und Martin Arnold sowie Bergner haben sich bereits bereit erklärt, im Vorstand mitzuarbeiten. „Weitere Mitstreiter sind herzlich willkommen“, sagt Martin Arnold.

Lern- und Gedenkort 

Hier soll gezeigt werden, wie Christen- und Judentum zusammengelebt haben. In der ehemaligen Synagoge in Abterode wird am Samstag, 2. November, ein Lern- und Gedenkort für die jüdische Geschichte im Landkreis errichtet. Dort betreibt der Verein Aufwind einen Lebensmittelladen. Im Obergeschoss werden die erhaltenen jüdischen Wandmalereien restauriert und der Gedenkort als Lernort mit modernen Medien eingerichtet. „Unser Verein möchte Motor sein, der Begegnung im Sozialraum ermöglicht“, sagen die Aufwind-Vorstände Matthäus Mihm und Andrea Röth. „Im Nationalsozialismus haben auch Menschen mit Behinderung unter Verfolgung gelitten und wurden getötet, deshalb möchten wir uns engagieren.“ 

Die Ausstellung 

Auf 70 Quadratmetern entsteht in dem Obergeschoss ein multimediales und interaktives Museum, das sich gerade an junge Menschen richtet. Der Arbeitskreis „Spuren jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner“ hat dazu eine umfangreiche Datenbank an historischen Dokumenten zusammengestellt. Publikationen, Zeitzeugenberichte, Gebäude, Bilder, Gegenstände und Schriftstücke werden gezeigt. Unter anderem ist eine seltene Pergamentrolle aufbereitet worden. 

Der Verein 

Durch den künftigen Mangel an Zeitzeugen müsse man jetzt aktiv werden, wenn man die Geschichte bewahren wolle, sagt Arnold. Der Verein, der heute Abend gegründet wird, soll das Museum in den nächsten Jahren bespielen und unterhalten. Unter anderem sollen die Datenbanken weiter befüllt werden. „Wir wollen durch die Gründung eines Vereins erreichen, dass das Engagement nachhaltig gesichert wird“, sagt Andrea Röth aus dem Vorstand von Aufwind.

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