Heute ist der Gedenktag an Opfer des Nazi-Regimes

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Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938: Der Innenraum der jüdischen Synagoge Eschweges auf dem Schulberg ist verwüstet. Von der Zerstörung durch die Flammen wurde das Gebäude nur verschont, weil andererseits auch Nachbargebäude in Mitleidenschaft hätten gezogen werden können. 

Eschwege. Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus findet heute ein bundesweiter Gedenktag statt.

Der 27. Januar ist der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Seit 1996 ist dieser Tag bundesweit dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialimus gewidmet. 

Viele Städte im Werra-Meißner-Kreis blicken auf eine wenig rühmliche Vergangenheit unter dem totalitären Nazi-Regime zurück: Insgesamt 157 Juden aus Eschwege, Reichensachsen, Herleshausen, Abterode und Datterode fielen dem Fremdenhass und Rassenwahn durch Verschleppung zum Opfer.

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938: Der Innenraum der jüdischen Synagoge Eschweges auf dem Schulberg ist verwüstet. Von der Zerstörung durch die Flammen wurde das Gebäude nur verschont, weil andererseits auch Nachbargebäude in Mitleidenschaft hätten gezogen werden können. 

Die erste von drei Deportationen wurde nur wenige Tage nach Beschluss der „Umsiedelung“ am 8. Dezember 1941 in die Tat umgesetzt. Die jüdischen Bürger wurden enteignet und anschließend mit dem Zug über Kassel in ein Ghetto im lettischen Riga deportiert. „Nur zehn Tage nach der Deportation gab es bereits öffentliche Ausschreibungen für die Versteigerung der beschlagnahmten Wertgegenstände“, weiß York-Egbert König vom Eschweger Stadtarchiv.

„Zum Verkauf wurden unter anderem Möbel und Haushaltsgegenstände angeboten. Zusätzlich plünderten die zuständigen Finanzämter die Konten.“ Die Verschleppung der letzten verbliebenen 53 Juden, die dem Grauen der Konzentrationslager bis dato entkommen waren, fand am Morgen des 6. Dezember 1942 statt.

Aber nicht ausschließlich Menschen jüdischen Glaubens wurden zur Zielscheibe: „Der nationalsozialistischen Gewalt waren beispielsweise auch Menschen mit Behinderung ausgesetzt. Exemplarisch dafür ist die zwölfjährige Irmtraud Lieberknecht, die Opfer der Euthanasie wurde“, so die Leiterin des Eschweger Stadtarchives und Stadtmuseums, Dr. Annika Spilker.

Zeugnis der jüdischen Vergangenheit Eschweges: der jüdische Friedhof am Klinikum.  

Die Erinnerung an die Opfer der Nationalsozialisten wird in Eschwege durch Stolpersteine, Denkmäler und Informationstafeln gewahrt. Erst im Dezember des vergangenen Jahres wurden zwei neue Gedenktafeln an den Wohnhäusern ehemaliger Bürger in der Eschweger Innenstadt angebracht. Die erste Tafel hängt am Stad 27, dort lebte Dr. Margarethe Kahn. Die Tochter einer angesehenen jüdischen Familie war die erste Abiturientin der Stadt, ihren Doktortitel erhielt sie 1909 und arbeitete als Lehrerin unter anderem in Dortmund und Berlin, bis sie ab 1936 Zwangsarbeit leisten musste. 1942 wurde sie in das Lager Piaski im heutigen Polen deportiert und ermordet.

Die zweite Gedenktafel befindet sich an der Stresemannstraße 1 und ist Paul Westheim gewidmet. 1886 in Eschwege geboren, musste er während der nationalsozialistischen Diktatur zunächst nach Paris ins Exil reisen, ehe dem politisch Verfolgten 1941 die Flucht nach Mexiko gelang. 1961 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Die seit dem Jahr 2009 verlegten 141 Stolpersteine erinnern vor dem letzten Wohnhaus der Betroffenen an deren Leid im Nationalsozialismus.

Auf der auf den Steinen verankerten Messingplatte finden sich der Name, das Geburtsjahr und das individuelle Schicksal eines jeden NS-Opfers. Die Steine führen die Verfolgten des Nationalsozialismus aus der Anonymität bloßer Opferzahlen heraus und machen ein grausames Stück deutscher Geschichte „greifbarer“.

Von Maurice Morth

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