„Hier ist jeder Tag anders“

In der Demenz-Wohngemeinschaft leben zwölf Senioren zusammen

Niederhone. Die Wohngemeinschaft für demenzkranke Senioren, die in Niederhone vor gut einem Jahr an den Start gegangen ist, soll schon bald in anderen Teilen des Werra-Meißner-Kreises in dieser oder ähnlicher Form auch angeboten werden. Das Angebot ist modellhaft für den Werra-Meißner-Kreis. „Etwas vergleichbares ist bereits in Großalmerode geplant“, sagt Ilona Friedrich, Leiterin des Fachbereichs Soziales beim Werra-Meißner-Kreis.

Friedhelm Hüttroth und Marie-Luise Kisters decken gemeinsam den Tisch für das Abendessen. Die beiden Senioren gehören zu den zwölf Mietern in der Wohngemeinschaft für an Demenz erkrankte Menschen in Niederhone. Die Frage nach dem Alter wollen beide nicht beantworten. „Verrate ich nicht“, entgegnet Marie-Luise Kisters kurz angebunden, und Friedhelm Hüttroth beschreibt wie er sich fühlt: „Jung und dynamisch.“

Renate Koj ist da offener. 83 sei sie, erzählt sie stolz. Koj ist gerade erst eingezogen in die etwas andere Wohngemeinschaft. „In die Nähe der Tochter“, wie sie sagt. Zuvor lebte sie in einem Düsseldorfer Vorort. Ihre Tomatenpflanzen hat sie aus der großen Stadt mitgebracht. Sie stehen jetzt im Garten der Einrichtung und werden von der Seniorin, der alle einen Grünen Daumen bescheinigen, gehegt und gepflegt. Die Mitbewohner freuen sich schon auf die Tomaten aus eigenem Anbau, die schon bald auf dem Tisch liegen werden.

Jeder darf aus seinem alten Leben mitbringen was er möchte. Ob das die alten Möbel sind oder die Tomatenstöcke, entscheidet jeder für sich. Sogar ein Haustier würde erlaubt – unter der Voraussetzung, dass die übrigen Mieter zustimmen. Die zwölf alten Menschen zwischen Mitte 60 und Anfang 90, die in der Einrichtung leben, werden ganz bewusst „Mieter“ genannt. Das soll das Verhältnis untereinander und zum Träger deutlich machen.

Die Rolle, die jeder einzelne in der Gemeinschaft spielt, kann ganz unterschiedlich aussehen, hängt manchmal auch von der Tagesform ab und wird selbst bestimmt. Wer in der Küche mithelfen möchte, ist willkommen, wer das nicht will, muss nicht und kann seine Zeit in der nachmittäglichen Quizrunde verbringen. Die beginnt immer um 16 Uhr und ist stets gut besucht.

„Jeder Tag im Leben eines Demenzkranken ist neu, und jeder Tag ist anders“, sagt Claudia Schindewolf von der Trägergesellschaft Diakom. „Die Mieter und deren Angehörige müssen sich auf das Konzept einlassen“, so Schindewolf. Das sei komplett anderes als in herkömmlichen stationären Pflegeeinrichtungen. Sieben sogenannte Alltagsbegleiter unterstützen die Mieter bei der Bewältigung der großen und kleinen Dinge, morgens und abends kommt der ambulante Pflegedienst ins Haus. Jeder Mieter hat ein eigenes Zimmer, es gibt Gemeinschaftsräumer – wie in einer großen Familie oder in einer ganz normalen Wohngemeinschaft. Und alles, was in der Wohngemeinschaft geschieht, „bestimmen die Mieter beziehungsweise deren Angehörige“, so Schindewolf.

Von Harald Sagawe

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