Birgit C. sammelt in Eschwege den Müll ein, den andere achtlos wegwerfen

Hier zu leben ist wie Urlaub gratis

Kein Urlaub vom Müllsammeln: Birgit C. ist immer im Dienst. Foto: Bettinger

Eschwege. Bruce Springsteen brachte sie das erste Mal nach Eschwege, ihr Wunsch nach einem Neuanfang das zweite Mal. „Hier zu leben ist wie Urlaub gratis“, ist Birgit C. seit einem Fantreffen zu dem US-amerikanischen Rocksänger überzeugt. Allein der viele Müll in der Stadt stört sie.

Sauberhaftes Eschwege stehe auf den Schildern, schauderhaft allerdings sei die Realität. Fast täglich ist die 50-jährige gebürtige Niedersächsin auf dem Heuberg und in der Innenstadt unterwegs und sammelt auf, was andere weggeworfen haben. „Anfangs machte ich das mit der Hand, aber das viele Bücken machte mein Rücken nicht lange mit“, erinnert sie sich. Kurzerhand wandte sich die ausgebildete Kinderpflegerin an den Eschweger Bauhof, wo man sie mit offenen Armen empfing: „Wir unterstützen jeden, der ehrenamtlich Müll sammelt“, sagt Betriebsleiter Ernst Gesang. Seine Mitarbeiter schafften es oft nicht, in alle Ecken zu kommen. Mit Greifzange und Müllbeuteln ausgestattet verließ Birgit C. den Bauhof wieder. Hat sie einen Beutel voll, stellt sie ihn mit ihrem Zeichen markiert an einer mit dem Bauhof festgelegten Stelle ab, wo die Mitarbeiter ihn einsammeln.

„Am liebsten sind mir die roten Mülltüten“, sagt Birgit C. Zu den blauen, machte sie die Erfahrung, würden oft von anderen unerlaubt weitere Beutel hinzugestellt. Müll sei überhaupt ein schwieriges Thema. Seit fast einem halben Jahr macht die derzeit arbeitssuchende 50-Jährige rückgängig, was andere falsch machen, und das ehrenamtlich. „Es gibt nichts, was ich nicht schon gefunden habe“, sagt sie und rattert resigniert eine ganze Liste herunter: Flaschen, Kronkorken, Zigarettenschachteln, Kassenzettel, Kabelbinder, selbst Kondome waren schon dabei. Das ist nicht nur abschreckend für Touristen, sondern auch umweltschädlich: Druckerschwärze wird in den Boden gespült, Plastik einfach untergepflügt, weil es sich nicht zersetzt. Vorbild will Birgit C. sein, keine Umweltpolizistin.

„Wenn die Menschen es nicht schon in der Erziehung vorgelebt bekommen, dass Abfall in die dafür vorgesehenen Müllbehälter gehört, halten sie sich auch nicht an die Regeln“, zeigt die Neu-Eschwegerin ein gewisses Verständnis den Müllsündern gegenüber. Wird sie seltsam angestarrt, geht sie in die Offensive, spricht die Leute an auf das, was sie aus Überzeugung macht. Das kann sie. Als Sozialassistentin hat sie viele Jahre als Zweitkraft in Kindergärten und -krippen gearbeitet. „Im Botanischen Garten“, erzählt sie, „haben immer wieder die Beutel für den Hundekot auf dem Boden verstreut gelegen.“ Zwei Jungs hingen dort zu dieser Zeit regelmäßig herum.

„Wenn ich dienstfrei unterwegs bin, muss ich schon die Zähne zusammenbeißen, nicht alles aufzusammeln.“

Birgit C. schaffte es mit stetigem Vorleben und sanfter Provokation: Es lagen nie wieder Beutel auf dem Boden. Mit den Männern, die sich regelmäßig zum Trinken im Schlossgarten treffen, hat sie ein Abkommen: Die leeren Flaschen stellen sie unter die Bänke, anstatt sie in die Büsche zu werfen. „Dort können Pfandjäger sie dann einfach einsammeln“, ergänzt Birgit C. Den Greifer in der rechten Hand, die Mülltüte in der linken, klappert sie ihre Wege ab. Ein Trolli würde ihr die Arbeit erleichtern. „Manchmal muss ich die Tüten schon halbvoll abliefern, weil sie einfach zu schwer für mich sind“, sagt sie. Eigentlich, kommt die Müllsammlerin ins Sinnieren, sei im Werra-Meißner-Kreis das instinktive Bewusstsein für die Natur noch vorhanden. Das merkt sie immer dann, wenn es sauberer bleibtund ihre freiwillige Arbeit Früchte trägt. „Wenn kein Müll auf dem Boden liegt, ist die Hemmschwelle für viele, ihren Abfall einfach fallen zu lassen, höher“, hat sie festgestellt.

Urlaub vom Müllsammeln gibt es nicht: „Wenn ich dienstfrei unterwegs bin, muss ich schon die Zähne zusammenbeißen, nicht alles aufzusammeln. Meistens habe ich dann doch irgendwo eine kleine Tüte in der Tasche.“ Ihr Ziel: Eschwege soll wirklich sauberhaft werden, und zwar die sauberste Stadt Deutschlands.

Wer Birgit C. für ihr Ehrenamt einen funktionstüchtigen Trolli zur Verfügung stellen möchte, kann diesen beim Eschweger Bauhof, Georgstraße 10, abgeben.

Von Stefanie Bettinger

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