Hochwasserschutz rund um den Eschweger Stadtteil Albungen hat sich bewährt

Neue Zeiten: Am südlichen Ortsrand, oberhalb des Albunger Ortsteiles „Auf der Grube“, werden die Werrafluten seit einigen Wochen in die Hochwassermulde geleitet. Alle Fotos: Furchert

Albungen. Albungen blieb in diesem Jahr bisher von den Wassermassen verschont. Ein großer Teil des Hochwassers, das in den vergangenen Jahren regelmäßig Teile der Gemeinde überschwemmte, wird nun durch die angelegte Flutmulde in der Flur „Laache“ am Dorf vorbeigeführt und fließt nördlich der Gemeinde wieder in das Flussbett zurück. Schäden an Häusern und Grundstücken, die es in der Vergangenheit regelmäßig gab, gehören jetzt eben jener Vergangenheit an.

Erste Bewährungsprobe

Wie dankbar die Albunger der Stadt für die Schutzmaßnahmen sind, drückt der ehemalige Ortsvorsteher Horst Schäfer aus, in dessen Amtszeit (2011 bis Mai 2016) der größte Teil der Baumaßnahmen fiel. Horst Schäfer: „Das Hochwasser der letzten Wochen ist die erste große Bewährungsprobe für die Flutmulde gewesen. Sie hat sie bestanden. Wir werden zwar auch künftig bei Extrem-Hochwasser noch mit den Fluten zu kämpfen haben, denn man kann das Hochwasser ja nicht verhindern. Aber mit dieser Maßnahme ist Albungen auf jeden Fall hochwassersicherer geworden. Dafür ist die Gemeinde dankbar.“

Auch Bürgermeister Alexander Heppe zieht ein positives Fazit: „Gerade in den letzten Tagen hat sich herausgestellt, dass die Flutmulde eine sehr sinnvolle Maßnahme ist, die auch künftig den Bürgern mehr Sicherheit vermittelt.“ Der Bürgermeister bezeichnet den Bau als „einen Gewinn für die Natur und ein Jahrhundert-Projekt, das geeignet ist, künftig Schäden von Mensch und Tier abzuwenden“. Ein Kompliment schickt der Eschweger Bürgermeister an die Einwohner der Gemeinde, die „so viele Jahre auf die Hilfe und den Ausbau warten mussten und die Maßnahme dann mit sehr viel Geduld begleiteten. Das ist nicht selbstverständlich.“

Geschichte

Rund 4,3 Millionen Euro verschlang nach Angaben der städtischen Baubehörden der Ausbau der Hochwasserflutmulde, einschließlich aller Grunderwerbs- und Bauprojekte. „Die ersten Planungen der Stadt für diese Maßnahme begannen bereits 1987“, erinnert sich der von 1985 bis 2011 amtierende Ortsvorsteher Hermann Bartholomäus, nachdem der im Jahr 1958 errichtete Hochwassersteg eine erste Entlastung für die Einwohner brachte. Die Hochwasserbrücke wurde 2002 eingeweiht.

Hermann Bartholomäus: „In einem Braunschweiger Institut gab es ab 1988 erste Modellversuche für die Hochwasseranlage in der Flutmulde“, aber nach nicht befriedigenden Ergebnissen noch keine Genehmigung der Behörden für einen Baubeginn. Um das ganze Projekt nicht zu gefährden, erfolgten schließlich 2007 auf Beschluss der Stadt mit dem Fällen von Bäumen erste vorbereitende Arbeiten.

Nach weiteren Planungen und Genehmigungen war es dann 2012 so weit: Im September setzten Stadtverwaltung und Ortsbeirat den ersten Spatenstich. Der Ausbau der Mulde folgte dann in drei Bauabschnitten von August 2013 bis zur Fertigstellung im April 2016. Von Mai bis Juli 2017 erfolgte noch eine Ausgleichsmaßnahme an der Berka-Einmündung. Mit einer Eindeichung und dem noch ausstehenden Bau einer Spundwand für den Ortsteil „Auf der Grube“ wird das Projekt abgeschlossen.

Historie: Schwangere beinahe von Flut verschluckt

Mit welchen Schwierigkeiten die Albunger bei Hochwasser zu kämpfen hatten, als es noch keinerlei Schutzmaßnahmen gab, darüber kursieren im Dorf einige Geschichten. Eine besonders spannende, ja dramatische ereignete sich im Februar 1946. Wieder einmal wurde Albungen durch Hochwasser zur Insel, und auch die Straße vom Bahnhof hinunter ins Dorf war überflutet. Wie aber die Einwohner trockenen Fußes in ihre Häuser bringen? Damals zog man den Fährkahn, mit dem die Familie Fischer die Menschen, die auf dem Gut Fürstenstein arbeiteten, über den Fluss brachten, die Werra hoch und an die überflutete Straße. Zwei gestandene Mannsbilder, die Brüder Martin und Karl Schröder steuerten den Fährkahn mit den Menschen sicher ans andere Ufer. 10. Februar 1946: Liselotte und Wilhelm Bartholomäus, der das große Gut im Dorf bewirtschaftete, erwarteten Nachwuchs. Da sich Komplikationen andeuteten, war die Überführung in das Eschweger katholische Schwesternheim notwendig. Aber wegen des Hochwassers konnte der Krankenwagen nicht ins Dorf fahren, Liselotte Bartholomäus musste in den Fährkahn klettern, und Karl Schröder sollte die werdende Mutter ans andere Ufer bringen, wo der Krankenwagen wartete. Da an diesem Tag das Wasser sehr hoch, die Strömung besonders stark war, nahm das Drama seinen Lauf. Obwohl Karl Schröder und Wilhelm Bartholomäus mit langen Stangen dagegenhielten, trieb der Kahn plötzlich ab. Das Leben der Besatzung hing am seidenen Faden. Aber Karl Schröder schaffte es mit letzten Kräften doch noch, den Kahn ans rettende Ufer zu steuern, die werdenden Eltern und der ungeborene Nachwuchs waren gerettet. Im Schwesternheim schenkte Liselotte Bartholomäus den Zwillingen Jürgen und Hermann das Leben, die in Albungen schon bald als die „Wasserjungs“ bekannt waren. Hermann Bartholomäus übernahm später von seinem Vater Wilhelm das Gut und war von 1985 bis 2011 Ortsvorsteher. Er begründet sein Engagement auch: „Irgendwie musste ich mich ja bei den Albungern dafür bedanken, dass sie unserer Familie damals vor 72 Jahren das Leben retteten.“

Von Siegfried Furchert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare