Tausende Vögel überqueren Werra-Meißner-Kreis

Im Keilhakenflug Richtung Süden: Naturschützer erklärt den Vogelzug

Kraniche, wie diese hier im Ringgau, nutzen den Keilhakenflug, um energiesparend vorwärtszukommen.
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Kraniche, wie diese hier im Ringgau, nutzen den Keilhakenflug, um energiesparend vorwärtszukommen.

Tausende Zugvögel haben gerade das Werratal überquert. Der Naturschützer Wolfram Brauneis erklärt, was es mit dem Vogelzug auf sich hat.

Werra-Meißner – In fast immer geordneten Formationen (Keilhakenflüge) sind die Kraniche gerade über den Werra-Meißner-Kreis gezogen. Sie fliegen, wenn sie das Signal des Aufbruchs spüren, bei verhangenem Himmel unter den Wolken und bei sonnigem Hochdruckwetter hoch oben am stahlblauen Himmel. Fast tun es ihnen die sogenannten Grauen Gänse, also Bläss-, Saat- und eben die Graugänse, gleich, wenn sie im aufgereihten Flug im Werratal zu sehen sind.

Aber durch die kürzeren Beine und vor allem durch die anderen Stimmlaute lassen sie sich gut von den Kranichen unterscheiden. Aber warum ziehen die Vögel eigentlich nach Süden?

Unterschiedlicher Start

In der Forschung sieht man als eigentlichen Schrittmacher, der den Beginn des Vogelzuges in Gang setzt, für eine Vielzahl von Arten die nicht mehr zur Verfügung stehende Nahrung. Für Futterspezialisten (Insektenfresser) trifft das vor allem zu. Der Mauersegler verlässt unseren Raum bereits Anfang August – nachdem er gerade mal vier Monate bei uns gewesen ist und gebrütet hat – wieder in Richtung Afrika (Ägypten). Die Schwalben – Mehl-, Rauch- und die in den Löß-Lehmwänden der Kiesteiche brütenden Uferschwalben – haben es mit dem Wegzug nicht gar so eilig.

Die an den Gebäuden, vornehmlich an Wohnhäusern, außen brütenden Mehlschwalben sind in ihren Sommerlebensräumen noch gegen Ende September bzw. Anfang Oktober zu sehen. Die Rauchschwalben, die ihre Nester in den Viehställen haben, begeben sich als Letzte auf die Zugreise. Dabei gestalten die Schwalben den Wegzug wiederum auffällig. Sie sammeln sich auf Hofreiten oder den Drähten der Stromleitungen. Abrupt gestartet wird nicht gleich. Zunächst wird sich zu größeren Trupps zusammengeschlossen und noch mehrere Tage hier verbracht.

Doch die Gemeinschaft wird nicht mehr aufgegeben; das gilt auch für nachts. So können Schwalbenschwärme bereits in der Dämmerung in den Weidendickichten und Schilfbeständen an den Kiesteichen gesehen werden.

Wer gibt Startsignal?

Ungefähr die Hälfte aller europäischen Zugvögel fliegen nachts, in größeren oder in kleineren Gruppen oder gar nur in minimalen Ansammlungen. Niemals allein, dafür hat die Natur instinktive Vorsorge getroffen. Noch ist es nicht genau erforscht, was die eigentliche Unruhe bei den Zugvögeln und dann den Aufbruch auslöst. Dies allein mit der kürzer werdenden Tageslänge zu begründen hat die Wissenschaft längst widerlegt, wenn dies auch ein wichtiger Faktor ist.

Wohin geht es?

Die Arten, die zu den klassischen Zugvögeln gehören, verfügen über sogenannte endogene Mechanismen, die man als innere Uhr bezeichnen kann. Dazu gehört der angeborene Kompass, also die genetisch festgelegte Richtungsorientierung. Die Hauptzugrichtungen sind – trotz evolutionärer Anpassungen – unveränderlich. An Weißstörchen und Kranichen kann man das gut erläutern. Während bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Masse der Weißstörche in Afrika überwinterte, fliegt heute ein Großteil nur noch bis zum Süden der iberischen Halbinsel (Portugal, Spanien).

Kraniche, die noch vor 40 bis 50 Jahren über die Meerenge bei Gibraltar flogen, um nach Nordafrika (Marokko, Algerien) zu fliegen, überwintern jetzt mit zu bis zu 100 000 Exemplaren in der Extremadura, im Südwesten Spaniens unter der Einbeziehung der Randgebiete von Portugal.

Mit der Zunahme der Maisanbauflächen in Europa und somit auch in Deutschland wird den Schreitvögeln der Tisch reichlich gedeckt, sodass seit Neuestem viele bereits in Frankreich, im Raum der südlichen Champagne, dort am größten Stausee des Landes, am Lac du Der-Chantecoq, 48 Quadratkilometer groß mit ausgeprägten flachen Ufern, überwintern. Natürlich bewirken das geänderte Zug- und Rastverhalten auch die milden Winter; in den Niederungen gibt es kaum noch Schnee und Eis. (Wolfram Brauneis)

Fast 40 Prozent der Brutvogelarten in Hessen sind gefährdet

Von den ungefähr 190 einheimischen Brutvogelarten in Hessen, die regelmäßig bei uns brüten, sind ein Drittel gefährdet, schreibt Brauneis, der Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie ist. Wenn die Arten, die bereits auf der Vorwarnliste stehen, dazugerechnet werden, seien es fast schon 40 Prozent. Vor allem sind es die Vögel des Offenlandes, sodass „der Landwirtschaft eine besondere Verantwortung zukommt“.

Kraniche und Gänse haben – wie uns der jährliche Vogelzug bei Kranichen und bei den rastenden und überwinternden Graugänsen im Werra-Meißner-Kreis zeigt – stetige Zuwachszahlen. Aber beispielsweise der Kiebitz, einst Brutvogel auf den Wiesen der Niederungsgebiete und auf den landwirtschaftlich offenen Kuppenlagen, bleibt verschwunden. Ebenso auffällig ist sein Ausbleiben beim Vogelzug, welches fast auf einen europäischen Niedergang hindeutet.

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