Meister der Tarnung und Täuschung

Fotos: Naturschützer Rainer Olßok entdeckt neue Insektenvielfalt am Werratalsee

Zwittergeschöpf: Der Glasflüger ist eine Mischung aus Schmetterling und Libelle. Er ist auf eine Pflanzenart - die Skabiosen - spezialisiert, zu denen beispielsweise Glockenblumen gehören.
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Zwittergeschöpf: Der Glasflüger ist eine Mischung aus Schmetterling und Libelle. Er ist auf eine Pflanzenart - die Skabiosen - spezialisiert, zu denen beispielsweise Glockenblumen gehören.

Naturexperte Rainer Olßok hat am Werratalsee zahlreiche seltene Insekten beobachtet und für uns fotografiert.

Eschwege – Der Werratalsee ist dank seiner großen Schongebietsflächen entlang der Ufer nicht nur Brutplatz und geschützter Rückzugsort für viele Vogelarten. Inzwischen ist dort auch eine ausgesprochen große und zum Teil selten gewordene Insektenvielfalt zu beobachten. Rainer Olßok, Vogelschutzwart und Naturexperte, hat im Verlauf des vergangenen Jahres an den Ufern der Werratalsee, die er täglich bei Wind und Wetter abpatrouilliert, erstaunliches Kleinvolk ausmachen, beobachten und fotografieren können.

In den großen Schilf- und Röhrichtflächen nahe des ehemaligen Kieswerkes sind Vögel wie Drosselsänger, Flussregenpfeifer, Bartmeisen und Blaukehlchen heimisch geworden. Und nicht zu vergessen der Kuckuck, dessen Ruf dort wieder zu vernehmen ist. Wer mitzählt, weiß, wie viel er in der Geldbörse hat.

„Der Kuckuck lauert regelrecht auf den Bäumen nahe des Schilfs und beobachtet das Brutgeschehen des Teichrohrsängers“, berichtet Olßok. Verlässt der deutlich kleinere Vogel sein Nest, stürzt sich der Kuckuck darauf, um dort seine berüchtigten Kuckuckseier abzulegen, die vor allem in der Farbe – einem Beige mit braunen Tupfen – dem des Rohrsängers ziemlich ähnlich sehen. Kehrt der dann ins Nest zurück, ahnt er zunächst nichts Schlimmes. Doch mit dem Schlüpfen der Kuckuckskinder kommt das böse Erwachen.

Die wachsende Vogelvielfalt ist auch der wachsenden Artenvielfalt der dort inzwischen zahlreich ansässigen Insekten zu verdanken.

Schmalbauchwespe

Die Schmalbauchwespe konnte Olßok im Sommer beobachten. „Ich dachte zunächst, dass es sich um eine Hornisse handelt“, sagt er. Doch bei genauerer Betrachtung stellte sich das Insekt als eben jene Schwebefliege heraus, die als Hornisse gut getarnt gegen Fressfeinde unterwegs ist. Denn statt eines üblen Räubers ist die Schmalbauchwespe eine der wichtigsten Blütenbestäuber nach der gemeinen Wildbiene. Mit einem langen Legestachel bohren sich die Insekten in die Nester anderer Insekten und platzieren dort ihre Eier. Hat die Schmalbauchwespe ihr räuberisches Larvenstadium hinter sich, ernährt sie sich von Doldenblüten.

Hilfsbiene: Die Schmalbauchwespe gehört nach der Wildbiene zu den wichtigsten Bestäubern.

Der Bienenwolf

Der Bienenwolf ist ein übler Räuber, zu dessen Beute vor allem die Wildbienen gehören. „Ich habe im Sand unzählige Nester des Bienewolfes entdeckt“, so der Naturkenner. Die Grabwespe gräbt im Sand lange Neströhren, nur zu erkennen an den kleinen aufgeworfenen Sandhäufchen. Olßok konnte den Bienenwolf beobachten und fotografieren, als er eine tote Wildbiene im Schlepp hatte, die er in seine Röhre schleifte, um seine Brutlarven zu füttern. Der Bienewolf war laut Olßok in Deutschland lange vom Aussterben bedroht und kam bis vor einigen Jahren nur in den Alpen und weiter südlich gelegenen Regionen vor. Jetzt wohnt er im Werra-Meißner-Kreis.

Der Bienenwolf ernährt Larven mit Wildbienen.

Der Blutbär

„Der Blutbär ist wirklich eine absolute Seltenheit“, schwärmt Olßok. Der tagaktive Nachtfalter (ja, das gibt es) kommt exakt nur dort vor, wo eine ganz bestimmte Wildstaude – nämlich das Johannisgreiskraut – vorkommt. Und das wächst inzwischen auch am Werratalsee. Dieses Kraut und nur dieses eine braucht die Larven des Blutbärs zur Ernährung. Dafür dass der Blutbär ein Nachtfalter ist, hat er eine hübsch rot leuchtende Zeichnung auf den Flügeln.

Tagaktiver Nachtfalter: der Blutbär.

Die Blutbiene

Mit blutigen Namen geht es weiter in der Insektenwelt am Werratalsee. Die Blutbiene ist keine Biene, sondern eigentlich ein Parasit. Das Insekt nämlich überwacht den Luftraum, beobachtet die Wildbiene und deren Einfluglöcher und schleicht sich dann in die Nester der Wildbiene ein, um dort zwischen Wildbieneneiern die eigenen Eier abzulegen. Dabei bedient sich die Natur auch hier eines gemeinen Tricks. Weil die Larven der Blutbiene schneller heranreifen als die der Wildbiene, fressen die kleinen Blutbienenlarven den Nachwuchs der Wildbiene einfach auf. Sind die Blutbienen dann geschlüpft, führen sie fortan ein Leben als Vegetarier und ernähren sich fortan nur noch Pollen.

Parasitär: Die Blutbiene legt ihre Eier ab.

Die Weidensandbiene

Die Weidesandbienen wohnen in den großen Sandhaufen am ehemaligen Kieswerk. „Sie mögen am liebsten Weiden und schwirren zu Tausenden um die Bäume, von denen es rund um den Werratalsee ja genug gibt“, erzählt Olßok und erklärt, dass die meisten Insekten eine ganz bestimmte Nahrung bevorzugen.

Gräbt sich zum Ziel: Die Weidensandbiene wohnt im Sand und liebt Weiden.

Die Sandwespe

Als ein seltenes Geschöpf benennt der Naturschützer die Heuschrecken-Sandwespe, die er einmal am See beobachten konnte. Das etwa fünf Zentimeter lange Insekt hat einen roten Hinterleib und riesige Beißwerkzeuge, mit denen es Heuschrecken fängt und verspeist.

Bissig: die Heuschreckensandwespe.

Der Glasflügler

Der Glasflügler ist eine Art Zwitter zwischen Schmetterling und Libelle. Mit seinen durchsichtigen Flügeln ist das Insekt auf eine bestimmte Pflanzenart – die Skabiosen – spezialisiert. Dazu gehören Glockenblumen.

Die Fressfeinde

Olßok freut sich über die entstandene Vielfalt in seinem Reich. „Wenn man die Wildbienen beobachtet, lernt man zwangsläufig auch deren Fressfeinde kennen.“ (Von Stefanie Salzmannn)

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