Interview mit Eschweger Palliativmediziner über moralisch schwierige Entscheidungen

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Betreuung auf der Intensivstation: Körperfunktionen können dank dem medizinisch-technischen Fortschritt heute über eine lange Zeit aufrechterhalten werden. Doch wer entscheidet, wenn der Patient nicht mehr einwilligungsfähig ist?

Werra-Meißner – Mediziner stehen immer wieder vor schwierigen Entscheidungen, bei denen auch moralische Aspekte eine Rolle spielen.  Darüber sprachen wir mit Dr. Uwe Streckenbach.

Leben oder Tod? Nicht nur medizinische Aspekte spielen bei Entscheidungen eine Rolle. Bleibt genug Zeit, um eine Entscheidung zu durchdenken, hilft die ethische Fallbesprechung. Darüber redet der Chefarzt des Zentrums für Geriatrie und Palliativmedizin im Klinikum Werra-Meißner im Interview.

Was ist eine ethische Fallbesprechung?

Die ethische Fallbesprechung ist eine Gesprächsrunde, in der kurzfristig benötigte Entscheidungen über das Leben oder den Tod eines Patienten, der nicht mehr einwilligungsfähig ist, thematisiert werden. Dort fließen neben medizinischen Aspekten auch gesellschaftliche Werte und Moralvorstellungen ein. Gemeinsam mit den Angehörigen beziehungsweise Vorsorgebevollmächtigten versuchen Experten verschiedener Fachbereiche, den mutmaßlichen Willen des Patienten herauszufinden und darauf aufbauend einen Konsens über das weitere Vorgehen zu finden.

Warum gibt es die ethische Fallbesprechung im Klinikum?

Der medizinisch-technische Fortschritt hat dazu geführt, dass es häufig möglich ist, die Körperfunktionen mit technischen Mitteln über lange Zeit aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig sehen wir, dass es menschlich nicht immer Sinn macht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Empathie gegenüber dem Patienten darf dabei nicht verloren gehen. Am Ende muss aber eine Entscheidung getroffen werden, die sich besser in einer Gruppe von Experten zusammen mit den Vorsorgebevollmächtigten treffen und auch tragen lässt.

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Wie sieht die Entlastung für die Angehörigen aus?

Um das besser verstehen zu können, müssen Sie sich folgende Situation vorstellen: Die Angehörigen sehen ihr Familienmitglied im Krankenhausbett und das ist für sie eine schreckliche Situation. Denn sie können weder einschätzen, was medizinisch möglich ist, noch den Zustand des Patienten komplett erfassen. Womöglich sind sich die Angehörigen untereinander uneinig oder der Vorsorgebevollmächtigte wird zum Buhmann, weil er dazu bestimmt wurde, eine Entscheidung zu treffen. In all diesen Situationen hilft die ethische Fallbesprechung. Sie wird zu einem echten Ausweg, wenn eine Konfliktsituation droht.

Wer nimmt in der Regel an einer ethischen Fallbesprechung teil?

Die Teilnehmer setzen sich aus Mitarbeitern des Krankenhauses und auswärtigen Personen zusammen. Das sind zum Beispiel Ärzte, Mitarbeiter aus der Pflege, Therapeuten, Seelsorger, Vertreter aus der Hospizgruppe Eschwege sowie des Hospiz- und Palliativnetzes Werra-Meißner, der Sozialdienst des Klinikums sowie der gesetzliche Betreuer, Vorsorgebevollmächtigte und interessierte Angehörige oder Freunde des Patienten.

Wie schnell gelangt die Gruppe zu einem Konsens?

In der Regel dauert es etwa eine Stunde, bis ein Konsens erzielt werden kann. Letztlich ist es davon abhängig, wie komplex die aktuelle Situation ist und ob es gelingt, den mutmaßlichen Willen des Patienten gut herauszuarbeiten. Den Angehörigen, Vorsorgebevollmächtigten oder Betreuern soll der Sachverhalt klar werden und die gefundene Entscheidung akzeptabel im Konsens mit möglichst allen Anwesenden sein. Eine ethische Fallbesprechung ist keine lockere Gesprächsrunde. Es ist echte Arbeit für alle Beteiligten – aber mit dem Ergebnis einer guten Entscheidung.

Können Sie ein Beispiel für eine ethische Fallbesprechung nennen?

Medizinisch betrachtet treten manche Situationen häufiger ein. Zum Beispiel folgende: Ein älterer Patient ist nach einem Schlaganfall aufgrund einer Schluckstörung nicht mehr in der Lage, zu essen und zu trinken. Es steht die Frage im Raum, zur künstlichen Ernährung eine Sonde über die Bauchhaut in den Magen zu legen. Die Angehörigen sind der Meinung, dass dies nicht erfolgen sollte.

In der ethischen Fallbesprechung konnte erarbeitet werden, dass bei einem frischen Schlaganfall noch keine Aussage darüber getroffen werden kann, ob sich die Situation im weiteren Verlauf nicht doch deutlich bessert. Im Konsens wurde empfohlen, die Sonde zu legen und in einigen Wochen erneut zu entscheiden, ob sich die gesundheitliche Situation des Patienten verbessert hat oder nicht. Falls sich keine Besserung eingestellt hat oder sich der Zustand sogar verschlechtert hat, ist die künstliche Ernährung einzustellen. In der Konsequenz wird der Patient dann versterben.

Was würden Sie sich hinsichtlich der ethischen Fallbesprechungen für die Zukunft wünschen?

Die Möglichkeit zur Durchführung einer ethischen Fallbesprechung sollte häufiger genutzt werden. In schwierigen Situationen ist sie ein Segen für Angehörige und Behandler. Wir bieten die Möglichkeit der ethischen Fallbesprechung auch für Fälle außerhalb unseres Klinikums an und unterstützen gern andere Institutionen beim Aufbau einer solchen Möglichkeit.

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Zur Person: Dr. Uwe Streckenbach

Dr. Uwe Streckenbach (54) ist Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie und Palliativmedizin und seit 2013 Chefarzt der Geriatrie und des Palliativmedizinischen Bereichs im Klinikum Werra-Meißner. Er ist Vorsitzender des Ethikkomitees des Klinikums und leitet häufig als Moderator die ethischen Fallbesprechungen. hma

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