"Ich mache drei Kreuze"

Interview mit Klinikchefin Dr. Fremder: Ärzte kommen wegen Ärzten

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Mehr Personal für die Geriatrie: Für pflegeintensive Abteilungen wie Geriatrie, Ch irurgie und Intensivmedizin dürfen die Krankenhäuser jetzt soviel examinierte Pflegekräfte einstellen, wie sie brauchen.

Das Klinikum Werra-Meißner hat schwierige Jahre hinter sich – vor allem viele unbesetzte Arztstellen und Rechnungskürzungen durch die Krankenkassen haben dem Haus zu schaffen gemacht.

Dem Krankenhaus mit seinen beiden Standorten in Eschwege und Witzenhausen könnte es besser gehen. Über die aktuelle Situation sprachen wir mit Dr. Claudia Fremder, Geschäftsführerin des Klinikums.

Alle Chefarztstellen sind besetzt. Ist jetzt alles gut?

Ich mache drei Kreuze. Das war viel Arbeit. Aber die Gastroenterologie mit Dr. Samer Said, der im Juli die Nachfolge von Dr. Heinz Berkermann angetreten hat, läuft gut. Er kann das, was sein Vorgänger konnte, zudem will er die Gallengangspiegelung (Cholangioskopie) weiter aufbauen, das erforderliche Gerät werden wir nächstes Jahr anschaffen. Auch die Gynäkologie mit dem neuen Chefarzt Dr. Fischer und der Oberärztin Dr. Christine Riechmann ist neu und gut aufgestellt. Sehr froh und dankbar sind wir, dass wir Martin von Hagen wieder als Chefarzt für die Psychiatrie gewinnen konnten, ebenso für wie die Besetzung der Chefarztstelle der über ein Jahr verwaisten Unfallchirurgie mit Dr. Axel Blasi. Gleichzeitig konnten wir mit Herrn Dr. Schlei als Chefarzt der Schmerztherapie in Witzenhausen und Herrn Marco Lubitz als designierten Nachfolger für Herrn Dr. Michael Müller (Innere Medizin) in Witzenhausen wesentliche Bausteine für ein zukunftsfähiges Leistungsspektrum legen. Sicher auch wichtig für die Bevölkerung zu wissen ist, dass Frau Dr. Martha Krauß die „Praxis“ (KV-Ermächtigung) von Herrn Dr. Müller vollständig übernehmen wird.

Das Hopping der Chefärzte zwischen Eschwege und Witzenhausen wird von den Fachabteilungen als extrem suboptimal gesehen. Ein Chefarzt sollte immer vor Ort sein.

Ja, das ist für die Ärzte und die Abteilungen suboptimal und anstrengend. Das funktioniert nur, wenn wir gute Oberärzte vor Ort haben, die die Linie des Chefs auch verfolgen. Einen zweiten Chefarzt für jede Abteilung bekommen wir nicht finanziert. Chirurgie und Anästhesie sowie Innere Medizin müssen als Abteilungen aber an beiden Standorten vorgehalten werden. Das ist uns im Krankenhausrahmenplan so vorgeschrieben.

Das Klinikum hat 2018 eine Million Euro Miese gemacht. Wie sind die entstanden?

Viel Geld haben uns die unbesetzten Chefarztstellen gekostet, allein die Unfallchirurgie war über ein Jahr verwaist. Wenn da kein Kopf ist, gibt es keine Spezialisierung und keinen Ansprechpartner für niedergelassene Ärzte. Also hatten wir automatisch weniger Fälle und damit weniger abrechenbare Leistungen. Die Leute sind dann einfach an andere Häuser gegangen. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, mussten wir Ärzte über Arbeitnehmerüberlassungen einkaufen, da kosten sie uns dreimal so viel, als wenn sie bei uns angestellt sind. Und die Preise steigen weiter. Das refinanziert uns auch keine Krankenkasse.

Warum ist es so schwer, hier Arztstellen gut zu besetzen?

Der Ärztemangel ist jetzt auch in der Region extrem angekommen. Außerdem bekommt man nur gute Assistenzärzte und Oberärzte, wenn die Chefärzte gut sind und es Ärzte sind, bei denen sie was lernen können. Ärzte kommen wegen Ärzten. Wir mussten schmerzlich lernen, dass unsere Region für viele Ärzte unattraktiv ist.

Nach dem in Kraft getretenen Pflegekräftestärkungsgesetz kann jetzt zusätzliches Personal in diesem Bereich eingestellt werden. Sind Sie schon dabei und wenn ja, für welche Bereiche?

Wir stellen im Moment alle examinierten Pflegekräfte ein, die wir kriegen können. Bis September werden wir über 22 neue Leute eingestellt haben, im Oktober kommen noch mal zwölf weitere Absolventen unserer Pflegeschule dazu. Mit den Fluktuationen hoffen wir, dass wir zum Jahresende etwa zwölf bis 16 zusätzliche Pflegekräfte haben.

Der Gesetzgeber schreibt für die sogenannten pflegesensitiven Bereiche wie Geriatrie, Kardiologie, Allgemeinchirurgie und Intensivmedizin vor, dass personelle Untergrenzen nicht unterschritten werden. Schaffen Sie das?

In Zeiten von hoher Belegung oder massiven Krankheitsausfällen schaffen wir das nicht. Das schafft fast kein Haus. Aber es ist ein Irrtum, dass die Krankenhäuser dort am Personal Geld sparen. Wenn wir einen bestimmten Prozentsatz an personellen Unterbesetzungen pro Schicht und Zeitraum unterschreiten, müssen wir Strafe zahlen. Wird das zum Dauerzustand, muss das Haus im schlimmsten Fall seine Bettenzahl in dem Bereich reduzieren. Das bedeutet eine schlechtere Versorgung für die Patienten des Kreises.

Ab 2020 soll das Klinikum Werra-Meißner 400 000 Euro im Jahr als sogenannten Sicherungstellungszuschlag als Krankenhaus im ländlichen Raum bekommen. Was passiert mit dem Geld?

Voraussichtlich wird das Geld ab 2020 als Zuschlag pro Fall von den Krankenkassen gezahlt, am Jahresende zeigt sich dann anhand einer Spitzabrechnung, ob wir was zurückzahlen müssen oder noch was bekommen. Wegen der vergleichsweise geringen Bevölkerungsdichte in der Region mit weniger als 100 Einwohnern pro Quadratkilometer kann unser Krankenhaus nur schwer wirtschaftlich betrieben werden. Häuser vergleichbarer Größe in Ballungsräumen haben deutlich höhere Fallzahlen und damit eine ausreichende Refinanzierung ihrer Strukturen. Das hat inzwischen auch die Politik in Berlin erkannt. Deshalb haben wir zum Beispiel auch keine Kinderabteilung. Das wird oft kritisiert. Fakt ist aber, dass es hier einfach zu wenig Kinder gibt. Hinzu kommt, dass das Hess. Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) festlegt, welche Fachabteilungen ein Krankenhaus haben darf. Für uns ist keine Kinderheilkunde erlaubt. 

Dr. Claudia Fremder (56) ist seit 2015 Geschäftsführerin des Klinikums Werra-Meißner. Sie wurde in Berlin geboren und studierte in Köln und Frankfurt Medizin. Ihre Facharztausbildungen als Internistin und in der Geriatrie absolvierte sie an Kliniken in Frankfurt, Heidelberg und Hofheim und arbeitete 13 Jahre als Ärztin. Ihr Studium zur Gesundheitsökonomin absolvierte sie an der European Business School (EBS). Sie lebt mit ihrem Ehemann in Oberursel und zum Arbeiten in der Region.

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