„Wir haben uns gut geschlagen“

Interview mit Knut John (SPD) zur bevorstehenden Kommunalwahl

Bereitet seine Partei auf die Kommunalwahl vor: SPD-Unterbezirksvorsitzender und Landtagsabgeordneter Knut John. Foto: Sagawe/Archiv

Werra-Meißner – Die SPD Werra-Meißner war durch die Opposition in den vergangenen Tagen in die Kritik geraten, weil sie vor der Kommunalwahl im März parteilose Bürgermeister angesprochen hat, für die SPD im Kreistag zu kandidieren.

Mit dem Unterbezirksvorsitzenden Knut John sprachen wir über dieses Prozedere, die bevorstehende Kommunalwahl und die Chancen, die sich für den ländlichen Raum aus der Coronakrise ergeben könnten.

Herr John, die SPD gräbt an parteilosen Bürgermeisterkandidaten, die im Gemeindewahlkampf noch politische Gegner waren. Gehen der SPD vor der Kommunalwahl 2021 die Kandidaten aus?

Nein, wir haben mehr als genug Kandidaten für unsere Listen. Durch Corona sind wir ein bisschen in Verzug geraten, doch bis Ende Oktober stehen die Listen. Wir haben keine Sorgen in Qualität und Quantität. Trotzdem halte ich es für legitim, Menschen für uns zu gewinnen, die Erfahrung und Wissen mitbringen. Wir wollen eine möglichst große Breite darstellen. Und zu diesem Kreis gehören auch die parteilosen Bürgermeister, sofern sie mit ihrer Grundeinstellung zur SPD passen.

Andreas Hölzel von der FWG sieht bei dieser Werbeaktion Landrat Stefan Reuß als Strippenzieher und zweifelt seine Neutralität an. Hat der Landrat sich in die Anliegen seines Unterbezirks gemischt?

Der Landrat war es definitiv nicht, der die Bürgermeister angesprochen hat. Das war eine Initiative, die im Vorstand des Unterbezirks entwickelt wurde. Karina Fissmann, ich und andere aus dem Vorstand haben die Gespräche geführt – je nach Beziehungen. Wir haben übrigens auch Gespräche mit Parteilosen aus der Wirtschaft geführt.

Wie waren die Resonanzen?

Wir stehen ja in ständigem Dialog mit allerlei Menschen. Da merkt man schnell, ob es passt oder nicht. Bei Finn Thomsen beispielsweise haben wir schnell bemerkt, dass er politisch ganz woanders als wir steht. Wir haben aber nicht nur für die SPD geworben, sondern insbesondere für eine Weiterentwicklung des Kreises.

Mit Lothar Quanz, Jürgen Zick und Dieter Franz verlassen erfahrene Kommunalpolitiker die Fraktion. Was kommt danach?

Durch das Ausscheiden der altgedienten Abgeordneten stehen tatsächlich einige Veränderungen an. Wir werden jetzt Jusos dazu bekommen. Das ist nicht einfach, weil viele junge Menschen zur Ausbildung den Kreis verlassen. Auch daran müssen wir arbeiten, dass dies in Zukunft nicht mehr sein muss. Denn auch Bildungseinrichtungen gehören auf das Land.

Was ist mit Kandidaten im mittleren Alter um die 40?

Auch hier bekommen wir eine gute Besetzung hin. Wo wir ein Problem haben: Frauen für die Liste zu gewinnen. Im Moment stehen uns für unsere Ansprüche zu wenig zur Verfügung. Da müssen wir nacharbeiten.

2006 hat die SPD Werra-Meißner bei der Kommunalwahl 49,3 Prozent der Stimmen erreicht, 2011 waren es noch 44,1, 2016 „nur“ noch 41,8 Prozent. Ist Sozialdemokratie nicht mehr attraktiv?

Nein. Durch Corona sind sozialdemokratische Themen mehr denn je gefragt. Gerade die Arbeitnehmerfragen können wir am besten beantworten. Was ich feststelle: Das Wissen um Demokratie lässt nach. Und Unwissenheit führt zu Desinteresse.

Was wird die SPD dem Wähler für die nächste Legislaturperiode anbieten, um sein Interesse wieder zu steigern?

Wir sind gerade dran, unser Programm aufzustellen. Was klar ist: Wir brauchen mehr Arbeitsplätze in der Region. Ein guter Weg ist die Verlagerung von Behörden in den ländlichen Raum. Hier muss mehr passieren. Vorteile ergeben sich auf beiden Seiten. Außerdem müssen wir das Sicherheitsbedürfnis der Bürger erfüllen. Die Menschen wollen, dass sie in ihrer Heimat alt werden können. Dazu gehören neben der Arbeit auch soziale Faktoren, Infrastruktur und vor allem eine gute ärztliche Versorgung.

Welche Lehren kann der ländliche Raum im Allgemeinen und der Werra-Meißner-Kreis im Speziellen aus der Coronakrise ziehen?

Die Politik ist zu sehr auf die Ballungsräume bezogen. In Zukunft müssen wir aber den ländlichen Raum stärken, weil er besser durch die Krise gekommen ist. Hier gibt es mehr Sicherheit als in den Städten. Das liegt an unserer kleinteiligen Struktur. Seniorenheime oder Krankenhäuser, die in der Krise einen guten Job gemacht haben, sind gute Beispiele. Wir strahlen die Sicherheit aus, die die Menschen verlangen. Zu wenige wissen aber von den Vorteilen des ländlichen Raums. Um eine Alternative zur Stadt zu werden, brauchen wir mehr Arbeitsplätze.

Man sagt, eine Krise wirke wie ein Brennglas. Hat die Coronakrise der Politik genutzt oder geschadet?

Ich glaube, wir haben uns gut geschlagen. Natürlich sind einzelne Länder unterschiedliche Wege gegangen. Für alle war es aber die erste Pandemie. Was ich in Hessen nicht gut fand: dass Lehrer manche Informationen aus der Zeitung erfahren haben und nicht aus dem Ministerium.

In einer Woche starten die Schulen wieder den Präsenzunterricht mit allen Schülern. Welche Erwartungen haben Sie an den Schulstart?

Ich befürchte, dass so eine zweite Infektionswelle ausgelöst wird. Und dann darf es nicht passieren, dass Kinder aus schwachen Familien abgehängt werden, wie es teilweise beim ersten Lockdown geschehen ist. Eltern können sich teilweise nicht intensiv genug um ihre Kinder kümmern, sie werden sich selbst überlassen. Ich möchte nicht, dass wir uns einen Corona-Jahrgang heranziehen.

Die Lösung?

Wir haben zu wenig Lehrer und brauchen mehr, um einen Präsenzunterricht – vielleicht in mehreren Schichten – zu gewährleisten. Auch Pensionäre müssen erst mal angefragt werden. Außerdem muss die Lehrerausbildung auf den Kopf gestellt werden. Neue Medien müssen stärker in den Fokus der Ausbildung rücken, um Homeschooling zu bewerkstelligen. Außerdem müssen die Familien besser begleitet und auch technisch ausgestattet werden.

ZUR PERSON

Knut John (57) sitzt für die SPD im Wahlkreis 9 im Landtag und ist Stadtverordneter in Eschwege. Seit knapp einem Jahr führt er auch den SPD-Unterbezirk Werra-Meißner. Im März kandidiert er für den Kreistag. Teilweise arbeitet der Ernährungswissenschaftler und Metzgermeister noch für den Lebensmittelkonzern Tegut und ist hier für das Projekt „Lädchen für alles“ zuständig, das er entwickelt hat. John ist Vater von vier erwachsenen Kindern, hat drei Enkel, lebt mit seiner Partnerin in Niederhone.

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