Interview

Zwischen Kind und Karriere: Zeitmanagement hilft, ein guter Vater zu sein

Zeit mit dem Nachwuchs: Wenn Väter und Kinder etwas zusammen unternehmen, sollen sich die Männer dafür Zeit freischaufeln und bewusst nur darauf konzentrieren, rät der Pädagoge Hans-Georg Nelles.
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Zeit mit dem Nachwuchs: Wenn Väter und Kinder etwas zusammen unternehmen, sollen sich die Männer dafür Zeit freischaufeln und bewusst nur darauf konzentrieren, rät der Pädagoge Hans-Georg Nelles.

Im Interview spricht der Pädagoge Hans-Georg Nelles über das Vatersein früher und heute. Er empfiehlt ein gutes Zeitmanagement.

Eschwege – Am Donnerstag ist Welt-Männertag. Der Pädagoge Hans-Georg Nelles wird an diesem Tag auf Einladung der Männerberatung der Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität einen Vortrag über aktive Männer und den Vorteil für Partnerschaft und Unternehmen halten. Wir sprachen vorab mit ihm über Vatersein heute und früher und warum ein organisiertes Zeitmanagement hilft, ein guter Vater zu sein.

Herr Nelles, was macht aus Ihrer Sicht einen aktiven Vater aus?

An einen aktiven Vater werden heutzutage viele Erwartungen geknüpft – beruflich wie privat. Das Wichtigste ist, dass er sich Zeit nimmt und seine Vaterrolle bewusst wahrnimmt.

Was bedeutet das: „bewusst wahrnehmen“?

Die Zeit, die man mit seinen Kindern verbringt, sollte man intensiv nutzen. Wenn Väter und Kinder etwas zusammen unternehmen, dann sollten sich die Väter auch bewusst darauf konzentrieren. Sie müssen ihre Zeit exklusiv den Kindern zur Verfügung stellen. Dann bleibt das Handy eben mal weg und nebenbei werden eben nicht noch E-Mails beantwortet.

Viele Väter würden gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, sind aber durch die Arbeit gebunden. Sie haben dann ein schlechtes Gewissen. Lassen sich Beruf und Familie überhaupt vereinbaren?

Das braucht ein gutes Zeitmanagement. Denn Zeit ist der entscheidende Faktor. Männer, die in Vollzeit arbeiten sind im Bundesdurchschnitt 44 Stunden pro Woche für ihren Beruf da. Wenn man Zeit mit seinen Kindern verbringen möchte, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder, man blockt eine Zeit im Terminkalender oder man reduziert Stunden. Bei einer 80-Prozent-Stelle hätte man einen Tag für Familie und Kinder.

Pädagoge Hans-Georg Nelles.

Hans-Georg Nelles

Hans-Georg Nelles (63) hat nach Abitur und Zivildienst in Düsseldorf zunächst eine Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur absolviert. Anschließend studierte er Sozialwissenschaften und Geschichte und beendete 1991 seine Ausbildung zum Lehrer für die Sekundarstufe II mit dem zweiten Staatsexamen.

Nelles fügte ein Studium der Wirtschaftswissenschaften und ein Fernstudium der Erwachsenenbildung an. Seit 2008 ist er Organisationsberater mit dem Schwerpunkt Väter und Karriere. Nelles lebt weiterhin in Düsseldorf, ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder.

Sind Arbeitgeber in Deutschland schon bereit, die Vollzeitstellen von Männern zu reduzieren?

Arbeitgeber in Deutschland denken hier häufig noch konservativ. Am liebsten geht der Chef doch durch die Reihen und sieht alle Mitarbeiter beschäftigt an ihrem Platz. Es gibt aber auch schon fortschrittliche Firmen, die mit Arbeitszeitreduzierung offensiv um Mitarbeiter werben. Außerdem: Sowohl Väter als auch Mütter wünschen sich gleichermaßen Erwerbsarbeitszeiten von zirka 32 Stunden pro Woche.

Wie reagiert man auf komische Blicke von Vorgesetzten und Kollegen, wenn man „nur noch“ Teilzeit arbeitet?

Teilzeit heißt ja nicht, dass man nur noch eine halbe Stelle hat und die Hälfte arbeitet. Es gibt verschiedene Modelle. Vor dem Neid der Kollegen sollte man keine Angst haben. Und der Arbeitgeber wird sehen, welchen Gewinn ein aktiver Vater bringen kann.

Nicht jeder kann sich aber leisten, weniger zu arbeiten.

Das stimmt. Teilzeit ist auch eine Frage des Verdienstes. Männer sind immer noch häufiger der Hauptverdiener in der Familie. Außerdem gibt es immer noch zu große Verdienstunterschiede zwischen Mann und Frau. Deswegen nutzen auch immer noch nicht alle Väter die Elternzeit.

Wie können Männer voll arbeiten und trotzdem genügend Zeit für ihre Kinder haben?

Die Frage ist ja schon mal, wie viel ist genügend Zeit? Sicherlich braucht es einiges an Unterstützung in der Kinderbetreuung, um voll arbeiten gehen zu können. Das betrifft Mütter wie Väter natürlich gleichermaßen. Oftmals sind die Großeltern eine wichtige Unterstützung. Hier sehe ich einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land. Das soziale Umfeld auf dem Land ist gefestigter.

Treusorgender Vater, liebevoller Ehemann und Ernährer der Familie: Ist das nicht ein bisschen viel verlangt von einem Mann?

Man muss festhalten: Eine ähnliche Erwartungshaltung wird auch an die Mütter gestellt. Für beide gilt: Es geht nicht alles gleichzeitig. Das Gute an einer Partnerschaft ist aber, dass man sich die Aufgaben aufteilen kann. Dazu muss man sich aber vorher Gedanken machen. Was nicht funktionieren wird, ist eine Liste zu erstellen, durch die jedes der Elternteile genau 50 Prozent der Aufgaben übernehmen wird.

Abschließende Frage: Ist es heute für die Männer schwieriger, Vater zu sein, als noch vor 40 oder 50 Jahren?

Ja und nein. Sicherlich hatte die Gesellschaft vor 40 oder 50 Jahren keine Erwartungen an die Männer als Vater. Dass sie sie sich an der Erziehungsarbeit beteiligt haben, war eher die Ausnahme. Sie konnten sich auf die Erwerbsarbeit konzentrieren. Andererseits ist es heute leichter für Väter, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Seit 1985 erst ist es auch Vätern möglich, in Erziehungsurlaub zu gehen. Elternzeit und Elterngeld machen die Entscheidung dazu einfacher. Väter haben heute mehr Chancen, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Sie müssen die Chance aber auch nutzen. (Von Tobias Stück)

Vortrag am Donnerstag, 19. November, online und per Telefon

Am Internationalen Männertag am Donnerstag, 19. November, wird Hans-Georg Nelles von 14 bis etwa 16 Uhr über das Thema „Aktive Väter – ein Gewinn für Unternehmen und Partnerschaft“ sprechen. Der Vortrag kann in der Videokonferenz sowohl am Bildschirm als auch am Telefon mitverfolgt und im Anschluss an den Vortrag können Fragen an Hans-Georg Nelles gerichtet werden.

Online: https://global.gotomeeting.com/join/801067421

Telefon: Bei Geräten, die diese Funktion unterstützen, ist die sofortige Teilnahme über eine der unten aufgeführten Direktwahlnummern möglich: 089/1 21 40 20 90 oder Direktwahl 089/1 21 40 20 90 80 10 67 42 1, Zugangscode: 801-067-421.

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