Über die Probleme reden

Interview: Torben Linde ruft Gesprächsgruppen für geflüchtete Männer ins Leben

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Das Gespräch unter Männern im Teehaus gehört zur arabischen Kultur.

Werra-Meißner – Mit welchen Problemen sind geflüchtete Männer in Deutschland konfrontiert? Um diese und andere Fragen soll es in den Gesprächsgruppen für  geflüchtete Männer gehen, die Torben Linde vom Referat Erwachsenenbildung vom Landeskirchenamt der evangelischen Kirche ins Leben rufen möchte.

Im Interview berichtet er von seinen Plänen.

Was ist die Grundidee der Männergruppe?

Wir haben zu Recht viele Angebote für geflüchtete Frauen, aber wenige, die sich auf Männer konzentriert haben. Dabei sind in den Wohnheimen hier vor Ort 80 Prozent Männer. Da braucht es aus meiner Sicht Möglichkeiten des Austausches.

Womit haben geflüchtete Männer zu kämpfen?

Zuerst einmal mit einer Identitätskrise, vor allem bei Männern aus dem arabischen Raum. Sie waren in ihren Heimatländern gut situiert und hatten einen entsprechenden Status. Dann kommen sie in eine völlig fremde Kultur. Sie können hier nicht mehr die Familie versorgen, sind abhängig von Zahlungen der Ämter. Daraus resultiert oft eine Bewegung gegen die Frau, deren Status sich hier deutlich aufwertet. Der Mann kommt sich überflüssig vor. Daraus entstehen Konflikte in der Familie.

Da setzen wir an, indem wir Kontakte zu deutschen Männern anbieten. Die Männer können sich über Probleme mit Ehe und Familie austauschen und die deutschen Männer können den Geflüchteten helfen, ihre Situation besser anzunehmen.

Spiegeln sich Konflikte auch bei den Kindern wieder?

Kinder sind häufig in der sehr unangenehmen Mittlerposition: Wenn die Eltern älter sind, dauert es länger, die Sprache zu lernen. Teilweise müssen zwölf- oder 13-jährige Kinder für ihre Eltern Dinge übersetzen, die sie nichts angehen. Ein Beispiel: Eine Mutter kam mit ihrer Tochter, um mit mir über einen Schwangerschaftsabbruch zu sprechen. Durch diese Verantwortungsübernahme für die Eltern geht ein massives Stück Kindheit verloren.

Wie wollen Sie ein Vertrauensverhältnis in der Männergruppe erreichen?

Wichtig sind die Kulturdolmetscher. In Eschwege ist das ein geflüchteter Syrer, der seit einigen Jahren hier ist, hohe Integrationserfolge hat und sprachlich schnell vorangekommen ist. Dolmetschen kann nicht jeder, da man nicht einfach übersetzt, sondern das kulturelle Bild vermittelt.

Die Gruppe, die wir in Witzenhausen planen, wird sich wohl an afghanische Geflüchtete richten, die seit vier, fünf Jahren da sind. Hier versuchen wir es auf deutsch.

Wie lange dauert es, bis die Männer Vertrauen fassen?

Nicht lange. Wir knüpfen an etwas an, das in der arabischen Kultur normal ist. Dort ist es Tradition, dass Männer abends im Teehaus sitzen.

Welche Gruppen laufen schon?

In Eschwege laufen jetzt zwei Gruppen, in Witzenhausen wurde eine Gruppe vor rund einem Jahr von meinem Vorgänger Helmut Wiegers in Zusammenarbeit mit dem Ehrenamtlichen Siegfried Asselmeier gestartet. Wir versuchen, im Kreis fünf Gruppen zu gründen, um sie nachhaltig durch Ehrenamtliche betreuen zu lassen.

Was können die Gruppen älteren Männern bieten?

Wir haben überall Kooperationspartner. In Eschwege etwa das Café Vielfalt, in Bad Sooden-Allendorf das Familienzentrum und kreisweit die Kirchen und die Arbeiterwohlfahrt. Wenn die geflüchteten mit den örtlichen Männern zusammenkommen, entstehen Kontakte. Es gibt schon schöne Erfolge, dass geflüchtete Männer die anderen zu sich nach Hause einladen, sie bekochen und Whats-App-Gruppen haben, über die sie sich austauschen.

Es bilden sich also auch Netzwerke?

Ja. Ich werde zum Beispiel in Eschwege versuchen, Bildungsträger einzuladen, die die Männer beraten, wie sie weitermachen können. Wir haben viele Männer, die Schweißer in der Ölindustrie waren. Das ist auf den deutschen Arbeitsmarkt nicht übertragbar, aber es ergeben sich andere Möglichkeiten.

Junge geflüchtete Männer sorgen ab und an für Konflikte. Kann so ein Gesprächsangebot auch auf sie ausgeweitet werden?

Es wird auch eine Gruppe für jüngere Männer geben. Gerade hier in Witzenhausen haben wir viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

und es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass wir einige Probleme damit haben.

Aber man muss eine andere Ansprache finde. Bei Jüngeren stehen andere Themen im Vordergrund.

Info: Männer, die an der Gruppe interessiert sind, erreichen Torben Linde unter Tel. 0151/56 04 98 10.

Zur Person 

Torben Linde ist 37 Jahre alt. Er studierte Politologie und Soziologie in Göttingen. Seit vier Jahren ist er für die Arbeiterwohlfahrt Flüchtlingsbetreuer – jetzt noch mit einer halben Stelle, eine weitere halbe Stelle hat er in der interkulturellen Männerarbeit des Landeskirchenamtes. Linde ist ledig und hat keine Kinder.

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