Interview mit Wirtschaftsförderer Wolfgang Conrad: „Zusammenhalt ist gewachsen“

Die Malerei ist die große Leidenschaft von Eschweges Wirtschaftsförderer Wolfgang Conrad. Seit 2002 ist der 63-Jährige bei der Kreisstadt beschäftigt. ArchivFoto: Harald Sagawe

Wirtschaftsförderer Wolfgang Conrad nimmt im Interview Stellung zur Bedeutung der Netzwerkinitiative Wirtschaft und zur Entwicklung im Stadtviertel Brückenhausen.

Was hat der Zusammenschluss der Betriebe zur NIWE bewirkt?

Weil der Wirtschaftsstandort ab 2002 einen enormen technologischen Strukturwandelrückstand aufholen musste, wurden eine strategisch angelegte städtische Technologiepolitik sowie eine Neuausrichtung des Wirtschaftsstandortes notwendig. Und der Schlüssel, das Instrument zur Umsetzung dieser Technologiepolitik ist die kooperative Netzwerksteuerung durch das Unternehmensnetzwerk NIWE. Als ein Ergebnis der Netzwerkarbeit mithilfe der NIWE gilt der Wirtschaftsraum Eschwege heute als modernes Entwicklungs- und Anwenderzentrum für innovative Produktionstechnologien mit dem Schwerpunkt Sonder- und Werkzeugmaschinenbau, insbesondere im Bereich der Automobilindustrie. Die NIWE hat aber noch etwas ganz anderes Entscheidendes bewirkt: Durch das persönliche Einbringen in die Netzwerkarbeit ist der Zusammenhalt der Unternehmen untereinander gewachsen, die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen. Ohne diesen besonderen Netzwerkgeist wäre es 2009 nicht gelungen, die 24 Auszubildenden von Hyco Pacoma ins Netzwerk zu übernehmen und ihnen einen erfolgreichen Abschluss zu ermöglichen sowie Pacoma einen Neuanfang.

Was haben die Unternehmen davon?

Die Netzwerkunternehmen profitieren insbesondere vom persönlichen Kontakt untereinander, von kostengünstigen Gemeinschaftsangeboten, von den vielen Initiativen zur Förderung des Fachkräftenachwuchses und auch von der Unterstützung durch die städtische Wirtschaftsförderung als Ansprechpartner und gleichzeitig Netzwerksteuerer aus einer Hand, quasi vom Problemkümmerer bis zum Grundstücksverkauf. Diese Unterstützung war insbesondere beim Strukturwandelprozess wichtig. So werden wir auch den aktuellen Wandel meistern. Ein wahrer Schatz ist die vom Netzwerk unterstützte überbetriebliche Ausbildung bei Präwema Antriebstechnik. Unser neues Trainingszentrum Industrie 4.0 dient im Übrigen nicht nur der Ausbildung, wir bieten neben den Schulen insbesondere den Betrieben die Möglichkeit, die zukunftsgerichteten Technologien auszuprobieren und damit über neue Geschäftsmodelle nachzudenken.

Und was hat die Kreisstadt Eschwege davon?

Die 2003 mithilfe des Netzwerkes NIWE gestartete Technologiepolitik hat mit dazu beigetragen, dass der technologische Strukturwandelrückstand erfolgreich bewältigt werden konnte. Heute beheimatet der Wirtschaftsstandort Eschwege viele Hightech-Unternehmen, Technologieführer und zum Teil Weltmarktführer in ausgesuchten Technologienischen. Ohne diese Netzwerkarbeit wäre diese Entwicklung kaum vorstellbar gewesen. Als Nebeneffekt hat sich ein wirtschaftsfreundliches Investitionsklima eingestellt, ein wesentlicher Grund für zahlreiche Betriebserweiterungen und Neubauvorhaben.

Und was bleibt unter dem Strich davon noch übrig?

Die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen und der Arbeitsplätze spricht für sich. Schrumpfte die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Eschwege von 9783 im Jahr 2000 auf 7718 zehn Jahre später, lag sie 2018 wieder annähernd auf dem Niveau von 2000. Eine Rückgewinnung von rund 2000 Arbeitsplätzen. Betrug zum Beispiel im Januar 2006 die Arbeitslosenquote der Geschäftsstelle Eschwege der Agentur für Arbeit 13,1 Prozent, lag sie im Geschäftsstellenbereich Eschwege im November 2019 bei 4,2 Prozent.

Welche Bedeutung hat das Netzwerk für das Ausbildungsziel Industrie 4.0?

Mit unserem neuen Trainingszentrum Industrie 4.0 stellen wir als Netzwerk die Weichen für den nächsten Strukturwandel, die digitale Transformation. Auch hier ist das Netzwerk Türöffner und Impulsgeber für den Einstieg in eine zukunftsgerichtet, überbetriebliche Ausbildung. Wir müssen den Nachwuchs auf die Anwendungen der Technologien vorbereiten, die den technologischen Strukturwandel in der Industrie beschleunigt vorantreiben. Mit unserer Entscheidung, den Fachkräften von morgen als Regelqualifikation die Grundlagen der Automation, Industrierobotik und des 3D-Drucks für einen professionellen Umgang mit technisch anspruchsvollen Technologie-Produkten für die Praxis zu vermitteln, setzen wir für den Wirtschaftsstandort als Netzwerk zusammen mit Präwema-Antriebstechnik einen Meilenstein in der überbetrieblichen Ausbildung.

Wie weit sind Sie und was folgt?

Unser ganzer Stolz ist deshalb das in enger Kooperation mit Präwema im Juni 2019 in Betrieb genommene Trainingszentrum I 4.0 bei Präwema. Die Kreisstadt Eschwege unterstützt dies mit Zuschüssen an die Kooperation Präwema-NIWE. Der Kuka Schulungsroboter ist bereits in Betrieb, der 3D-Druck folgt Anfang 2020.

Wie muss Ausbildung überhaupt aussehen, damit junge Menschen hier in der Region eine berufliche Perspektive sehen?

Der Umgang mit künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien erfordert auf der Ebene der Auszubildenden ganz neue Kompetenzen. Neue Anforderungen an die Fähigkeiten, Fertigkeiten, Flexibilität und Lernbereitschaft der Auszubildenden stehen im Vordergrund. Viele Ausbildungsberufe und Jobprofile werden sich ändern, neue Ausbildungsberufe entstehen. Diese neuen Kompetenzen gilt es in der neuen Ausbildung zu vermitteln und zu erlernen. Die neue Ausbildung muss das Interesse der jungen Menschen wecken, muss sie für Beruf und Unternehmen sowie den Umgang mit anspruchsvollen digitalen Technologien gewinnen. Die Tage einer Ausbildung alter Prägung mit Schleifen und Fräsen sowie schmutzigen Händen sind gezählt, der Trend geht zu höherwertigen Tätigkeiten.

Wie könnte das ehemalige Julphar-Areal innovativ genutzt werden? Ist ein Uni-Standort realistisch? Oder eher ein Gründerzentrum? Oder ein ganz anderes Modell?

Die Großzügigkeit des Areals und der Gebäudekomplexe verträgt grundsätzlich einen Nutzungsmix aus Wohnen, Technik- oder Digital-Campus, Handwerk und Dienstleistung. Und wenn man in Gebäudeabschnitten vorgeht, hält man sich Möglichkeiten für weitergehende Entwicklungen offen. Dies dürfte momentan die sinnvollste Herangehensweise darstellen. Vor Kurzem haben wir als Projektentwicklungsgesellschaft Eschwege zusammen mit einem Architekten das ganze Areal noch einmal eingehend in Augenschein genommen und mögliche Vorgehensweisen erörtert. Als Projektentwicklungsgesellschaft wäre es uns eine Herzensangelegenheit, hier mitwirken zu dürfen, natürlich auch als städtische Wirtschaftsförderung beziehungsweise als Fachbereich Wirtschaft und Stadtentwicklung. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns.

Sie arbeiten als einer der beiden Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft an einem Wohnmodell in Brückenhausen an der Werra. Wie weit sind Sie?

Nun, die Machbarkeitsstudie der Architekten ist abgeschlossen. Als Nächstes werden wir verschiedene Detailuntersuchungen in Auftrag geben, zum Beispiel Statik und Bodenbeschaffenheit. Gleichzeitig arbeiten wir zusammen mit den Investoren intensiv an den Wohnungstypen und Wohnungszuschnitten sowie an den Finanzierungsmodellen. Fest steht die Gesellschaftsform, die Gründung einer GmbH & Co. KG. Auch dies muss parallel vorbereitet werden.

Die Wohnungen sind für Eschweger Verhältnisse eher im oberen Preissegment angesiedelt. Gibt es dafür überhaupt einen Bedarf? Wer sind die potenziellen Mieter oder Käufer?

Wir sind mit den Investoren fest davon überzeugt, dass es in Eschwege einen Markt für moderne Wohnungen und Wohnungszuschnitte gibt, insbesondere bei dieser attraktiven Lage am Werra-Nordarm. Die vielen Anfragen aus nah und fern bestätigen uns das. Wir streben eine Zielmarke bei den Mieten an, die sich unter dem Strich auf durchschnittlichem Mietniveau bewegt. Da sich die geplanten Wohnungsgrößen überwiegend zwischen etwa 58 und 80 Quadratmetern bewegen, erwarten wir ein dementsprechend breites Mietinteresse. Eigentumswohnungen sind zurzeit nicht geplant.

Was kann die Projektentwicklungsgesellschaft in Brückenhausen in den nächsten Jahren sonst noch tun, damit die Stadtentwicklung in dem Viertel zu einem Erfolg wird?

Als Projektentwicklungsgesellschaft wollen wir zunächst mit dem Wohnprojekt am Werra-Nordarm starten. Allein in diesem Quartier gibt es weitere Möglichkeiten, neue Entwicklungen anzustoßen, um städtebauliche Akzente zu setzen. Das heißt aber nicht, dass das jedes Mal eine Aufgabe für die Projektentwicklungsgesellschaft ist. Unsere Ressourcen sind auch begrenzt. Aber wir können im Rahmen unserer Möglichkeiten mitwirken und Anschub geben, gerade in Kooperation mit Investoren, wie das Beispiel am Werra-Nordarm zeigt. Hier sehen wir Chancen für uns und auch für neue Finanzierungsmodelle. Letztendlich gilt es, gezielt Anreize zu schaffen für neue Investitionen in Brückenhausen, gerade vor dem Hintergrund der Möglichkeiten, die das Programm Stadtumbau II Investoren in den nächsten Jahren bietet. So wird sicherlich auch das von der Kreisstadt beauftragte Stadtumbaumanagement in enger Zusammenarbeit mit der Stadt und gegebenenfalls der Projektentwicklungsgesellschaft entsprechende Akzente setzen.

Wolfgang Conrad (63) ist seit 2002 Wirtschaftsförderer der Kreisstadt Eschwege und Geschäftsführer sowohl der Projektentwicklungsgesellschaft als auch der Gesellschaft für erneuerbare Energien. Er hat 2003 NIWE (Netzwerk Initiative Wirtschaftsraum Eschwege) mit führenden Unternehmen aus der Region gegründet. Conrad stammt aus Würzburg, studierte zunächst Verwaltungswirtschaft und danach Sozialwissenschaften, Rechts- und Literaturwissenschaften mit den Abschlüssen Diplom (FH) sowie Magister Artium. Zuvor war Conrad beim Landratsamt Kitzingen und bei der Kreisstadt Kitzingen beschäftigt, ebenfalls im Bereich Wirtschaft und strategische Stadtentwicklung. In seiner Freizeit macht Conrad gerne Musik, er spielt Bass und widmet sich seiner großen Leidenschaft, der Malerei, mit der er schon international unterwegs war.

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