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Jochen Schweitzer hat über Eschwege im Dritten Reich geforscht und liest dazu

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Von: Tobias Stück

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Mahnmal: Der Koffer von Gisela Sara Levi erinnert am Eschweger Stadtbahnhof noch heute an die letzte Deportation am 6. September 1942. Jochen Schweitzer hatte die Gedenkveranstaltung mit anderen Eschwegern initiiert.
Mahnmal: Der Koffer von Gisela Sara Levi erinnert am Eschweger Stadtbahnhof noch heute an die letzte Deportation am 6. September 1942. Jochen Schweitzer hatte die Gedenkveranstaltung mit anderen Eschwegern initiiert. © Eden Sophie Rimbach

Es gab in Eschwege im Dritten Reich Widerstand gegen Nazis. Warum Eschwege den Widerstand der „mutigen Menschen“ nicht gebührend würdigt, ist dem Autor Jochen Schweitzer ein Rätsel.

Eschwege – Der gebürtige Eschweger Jochen Schweitzer hat zu Deportationen und Widerstand im Dritten Reich in Eschwege in den vergangenen Jahren geforscht. Mehr als 1000 Seiten Recherchematerial hat er zu diesem Thema privat zusammengetragen und in den Eschweger Geschichtsblättern beispielsweise veröffentlicht. Zu seinem 80. Geburtstag hat Schweitzer seine Forschungsergebnisse in einem Sammelband veröffentlicht. Am Freitag kommt er nach Eschwege zu einer Lesung.

In seinem Sammelband hat Schweitzer das Schicksal der Eschweger Familie Julius und Selma Klara Kahn, seine Forschungen zu und Erinnerungen an Fritz Neuenroth, die Kontroverse um „NS-belastete“ Straßennamen in Eschwege, Beispiele für Schutzhaft nach der Machtergreifung der Nazis und den Widerstand der Eschweger gegen den Nationalsozialismus gebündelt.

Jochen Schweitzer
Jochen Schweitzer © Privat

Einschüchterung durch Schutzhaft in Eschweger Gefängnis

Über mehr als 280 Personen, die in Eschwege und Umland Widerstand leisteten, hat er Informationen zusammengetragen. Die Nazis nutzten beispielsweise die Schutzhaft als Repression gegen politische Gegner. Zwischen Februar 1933 und Februar 1934 wurden in Eschwege nach Schweitzers Recherchen 256 Personen in Schutzhaft genommen. Allein in den Monaten März und April 1933 wurden 120 Menschen inhaftiert. Eine zweite Verhaftungswelle gab es von Ende September bis November 1933. Die Haftgründe waren nach den Auswertungen Schweitzers in den Archiven vielfältig und oftmals nichtig. Um aus der Schutzhaft entlassen zu werden, mussten teilweise Bedingungen erfüllt werden. Gerhard Hitzeroth aus Waldkappel beispielsweise „musste sich jedoch zuvor ausdrücklich noch schriftlich verpflichten, sich in Zukunft jeder staatsfeindlichen politischen Betätigung… zu enthalten.“

Schweigemarsch für deportierte Juden in Eschwege

Während der Lesung am Freitagabend wird Schweitzer aus seinen persönlichen Eindrücken vorlesen. Die Tatsache, dass er drei Tage nach der Deportation des jüdischen Ehepaars Julius und Selma Kahn im gleichen Haus an der Niederhoner Straße 54 geboren wurde, hat ihn „tief erschüttert“ und zu den Recherchen über die Eschweger Juden veranlasst.

Lesung am 16. September in der Buchhandlung Heinemann

Am Freitag, 16. September, wird Jochen Schweitzer aus seinem Buch „Von weißen Flecken und grauen (-haften) Funden“ in der Buchhandlung Heinemann in Eschwege lesen. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Nach seiner Lesung aus drei Teilen des Buches lädt Schweitzer die Zuhörer zur Diskussion ein. ts

Zusammen mit mehreren anderen Eschwegern hat er die Geschichte und die Zusammenhänge der Deportation der letzten Juden aus Eschwege untersucht und zum 70. Jahrestag dieses Ereignisses am 6.9.2012 ein großes Gedenkprojekt realisiert. Mehr als 600 Menschen beteiligten sich an dem Schweigemarsch. Der kleine Kinderkoffer, beschriftet mit dem Namen des jüdischen Mädchens Gisela Sara Levi aus Eschwege, steht noch heute als Bronze-Mahnmal am Eschweger Stadtbahnhof, um auf dieses schreckliche Ereignis aufmerksam zu machen. Ein dokumentarischer Rückblick auf 2012 von York-Egbert König und Karl Kollmann wurde zur Vervollständigung des Themas mit in diesen Band aufgenommen. Auch durch den Nationalsozialismus belastete Eschweger Straßennamen werden am Freitagabend thematisiert. (Tobias Stück)

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