Vom Kloster ins Eis

Jörg Sennhenn hat in Eschwege Brauer gelernt und stellt jetzt auf Grönland Bier her

Schätzt die grönländische Gelassenheit: Braumeister Jörg Sennhenn aus Eschwege. Foto: privat

Nuuk. Jörg Sennhenn hat in Eschwege Brauer gelernt und stellt jetzt auf Grönland Bier her.

Sein Weg begann bei der Eschweger Klosterbrauerei und verläuft gerade durch Grönland. Eines war Jörg Sennhenn aber immer wichtig. „Es muss Spaß machen, sonst hältst du es nicht durch.“ Seit 6 Uhr steht der Eschweger in der zugigen kleinen Brauerei in der Innenstadt von Nuuk. An den Füßen trägt er Gummistiefel. Fast jeder Tag beginnt für den hessischen Braumeister so früh. Im Winter ist es stockdunkel, wenn er aus dem Haus geht.

Dieser Mittwoch wird besonders lang. Zwei Chargen Bier will der 53-Jährige aus Eschwege brauen. Dafür mahlt sein Helfer Sindri, ein Isländer, säckeweise Malz, während sich Sennhenn eine Zigarette anzündet.

„Mein Plan war schon immer, nicht mein ganzes Leben in Deutschland zu verbringen“, sagt der Braumeister mit fast kahl geschorenen Kopf und kantiger Brille, der Ende der 1980er-Jahre eine Ausbildung zum Brauer und Mälzer in der Eschweger Brauerei absolvierte. Vor sechs Jahren wanderte Sennhenn eher zufällig nach Grönland aus. Auf einer Job-Plattform für Brauer war eine Stelle in Nuuk ausgeschrieben.

Bereut hat er die Entscheidung nur einmal. Gleich in der ersten Woche. „Da wollte ich zurück“, sagt er. „Ich habe gedacht, es wäre mir alles zu teuer.“ Kälte und Dunkelheit haben den 53-Jährigen nicht beeindruckt. „Als Braumeister sind wir Kälte ja gewohnt.“ Eine genaue Vorstellung davon, was ihn erwarten würde, hatte er nicht, als er 2010 am Polarkreis ankam. „Ich bin im Mai hier gestartet, bei fünf Meter Schnee. Das war schon ein bisschen hart, die Wetterumstellung. Man fragt sich, ob das das ganze Jahr so ist.“ Ein Land, sechs mal so groß wie Deutschland, davon mehr als 80 Prozent eisbedeckt, mit gerade mal 56 000 Einwohnern, ein Drittel davon allein in der Hauptstadt Nuuk. Dort, im kleinen Ortszentrum mit seiner Fußgängerzone, dem Mix aus farbigen Holzhäusern und modernen Zweckbauten, dem neuen Shoppingcenter und heruntergekommenen Plattenbauten, steht das „Brauhaus der Guten Hoffnung“, wie es auf Dänisch heißt:

„Die Leute, die haben nicht viel Gastronomie hier. Und was wir hier haben, das wird halt genutzt. Und zum Wochenende sind die Gaststätten hier auch alle belegt. Und das ist Sommer wie Winter, das macht keinen Unterschied.“

Sennhenn war überrascht von Nuuk. Das kleine Städtchen war nicht das Ende der Welt, kein Ort, an dem sich die Polarfüchse gute Nacht sagten. Nuuk, obwohl nur wenige Quadratkilometer groß, bündelt das gesellschaftliche Leben eines ganzen Landes.

Für Sennhenn ist das Brauen eine Kunst. Im „Godthaab Bryghus“ – Godthaab ist der dänische Name von Nuuk – hat er Porter mit Kokos, Lager mit Zitronengras und Bier mit deutschen Sauerkirschen gebraut. In „Eric The Red“ stecken Chili und Honig aus Südgrönland, dem „Garten Grönlands“, wo immer mehr Landwirte im milderen Klima versuchsweise Gemüse anbauen und Vieh halten.

In einer größeren Brauerei in Deutschland hätte er wohl nicht die Freiheit, so zu experimentieren, meint Sennhenn. „Das würde mich in meiner Kreativität hemmen.“ Hier ist er sein eigener Chef.

Aus seiner Heimat fehlt dem Hessen wenig, abgesehen von ordentlichem Brot und Bratwurst. In Grönland ist Zeit nicht so wichtig. Oft regiere Gelassenheit – im Guten wie im Schlechten, meint Sennhenn. Grönländer ließen vieles auf sich zukommen. „Wie wird das Wetter morgen? Das sehe ich morgen. Ändern kann ich es eh nicht“, sagt er. Und: „Es macht auch Spaß, im Schneesturm zu laufen. Dann merkt man erst mal, wie klein man ist.“ 

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