Ein Blick in die Geschichte des Stadtfestes

Eschweger Johannisfest fällt in diesem Jahr nicht zum ersten Mal aus

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Johannisfestumzug kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Am Marktplatz standen zu B eginn des 20. Jahrhunderts noch Bäume und das Germania-Denkmal. In den Jahren 1915 bis 1918 fiel das Fest komplett aus.

Vom 25. bis 29. Juni sollte in Eschwege Johannisfest gefeiert werden. Zum ersten Mal seit 1947 fällt das Fest aus. Es ist allerdings nicht die erste Absage. Ein Blick in die Geschichte.

2020 verbieten das Bundesinfektionsschutzgesetz und die Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung des Landes Hessen unser Fest unmittelbar.

In der Verordnung heißt es: „[...] Bei Begegnungen mit anderen Personen ist ein Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Öffentliche Verhaltensweisen, die geeignet sind, das Abstandsgebot [...] zu gefährden, [...] sind unabhängig von der Personenzahl untersagt.“ Eine Ausnahme von diesen Regelungen ist in keinem Fall bei Großveranstaltungen wie Volksfesten zulässig. Doch wer glaubt, dass eine Absage oder ein Verbot des Johannisfestes vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie undenkbar gewesen sei, der irrt: Das Unmögliche ereignete sich in den letzten gut 150 Jahren sogar mehrfach.

1866

Im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 war Kurhessen mit Österreich verbündet. Das damals kurhessische Eschwege wurde ausgerechnet zur Johannisfestzeit von preußischen Truppen besetzt. Es kam aber zu keinen Kampfhandlungen. Nach Gerhard Seib (in Geschichte der Stadt Eschwege, 1993, S. 386) wurde das Johannisfest im Kriegsjahr 1866 abgesagt. Ein mit „E. Dö.“ zeichnender Autor teilt dazu mit, dass sich die Stadtverwaltung trotz Zuspruchs des preußischen Befehlshabers nicht zur Abhaltung des Johannisfestes entschließen konnte, da die Anwesenheit des „Feindes“ das Aufkommen einer Feststimmung wahrscheinlich verhinderte.

Nach Kurt Holzapfel fiel das Johannisfest allerdings nicht vollständig aus. In einem Beitrag mit dem Titel „Johannisfest 1866 war kein Fest der Freude“ in der WR vom 2. Juli 1966 schreibt er: „Der Maienzug wurde in gewohnter Weise durchgeführt, auf dem Werdchen standen die Buden, und Friedrich Hempfing hatte sein Orchester, das spätere Musikhäuschen, im Tanzkreis aufgebaut. Da kam die Nachricht, dass die Preußen bis Reichensachsen vorgedrungen seien. Allzu Neugierige, die sich auf den Weg dahin machten, wurden im Spritzenhaus eingesperrt. Als dann die ersten Preußen, eine Ulanenpatrouille von vier Mann, in der Stadt erschien, war die Aufregung groß.“

Auch aus den Kämmereirechnungen der Stadt Eschwege lässt sich schließen, dass wohl ein gewöhnliches Johannisfest stattfand. Die preußische Besetzung schien die Gemüter nicht übermäßig beunruhigt zu haben.

1871

Im Jahre 1871 fiel das Johannisfest wegen Überschwemmung des Werdchens zunächst aus, wurde aber vier Wochen später nachgefeiert. Daran erinnert sich ein mit „F.K.“ zeichnender Autor im Eschweger Tageblatt vom 5. und 6. Juli 1941: „Früher wurde das Johannisfest am Sonntag nach Johanni (24. Juni) gefeiert. In 1871 waren die Zelte schon gebaut, auch das Karussell stand schon zum Teil. Der Wohnwagen war auf dem Werdchen aufgestellt. Da fiel ein Wolkenbruch in der oberen Werragegend und überschwemmte das Werratal in einer bisher noch nicht erreichten Höhe. Im Torwärterhaus an der zweiten Brücke ist der Wasserstand heute noch verzeichnet. 

Ein Hochwasser wie hier 1890 in Brückenhausen sorgte 1871 dafür, dass das Johannisfest wegen Überschwemmung des Werdchens ausfallen musste.

Da das Wasser schon über die Tische in den Zelten und in den Wohnwagen stieg, musste der Karussellbesitzer mit seiner Familie von Schiffern bis oben in die Mangelgasse gerettet werden. Nach einigen Wochen, als das Werdchen wieder abgetrocknet war, wurde durch den Polizisten und Ausrufer Rülke mit der Ortsschelle bekannt gemacht: ,Das Johannisfest wird am Sonntag gefeiert.’ Da damals noch der Streit über das Maienholen mit der Gemeinde Grebendorf bestand und die Gemeinde Grebendorf das Maienholen nicht gestattete, wurden die Maien auf die Ochsenwiese hinter dem Siechenhaus (Altersheim) gefahren. Von da haben wir sie dann geholt und den Maienzug in die Stadt gemacht.“

1915 bis 1918

In den Jahren 1915 bis 1918 fiel das Johannisfest aufgrund des Ersten Weltkrieges aus. Dies galt für nahezu alle Volksfeste im Deutschen Reich. Auch unsere Partnerstädte feierten nicht: In Regen wurde das Pichelsteinerfest abgesagt, in Mühlhausen die Kirmes. Die „eiserne“ Zeit gab keinen Raum für frohe Feste und Kindertänze.

Erst 1919 fand das Johannisfest in bescheidenem Rahmen wieder statt. Dazu schreibt das Eschweger Tageblatt vom Samstag, 5. Juli 1919: „Das Johannisfest hat heute früh mit dem Maiengang seinen Anfang genommen. Es sind heute fünf Jahre her, als in den politisch-schwülen Julitagen des Jahres 1914 Eschwege zum letzten Mal sein Johannisfest feierte. Fünf lange Jahre mit all ihrer Not und Entbehrung und ihrem Elend sind seitdem vergangen. Wenn sich seit dieser Zeit auch vieles geändert hat und wir vom Materialismus zum Idealismus wieder zurückkehren müssen, so hat die Feier des Eschweger Johannisfestes nach dieser langen Unterbrechung doch die gleiche frohe Erwartung wie früher hervorgerufen. Es ist ein echtes Kinderfest, von eigenartiger Poesie umwoben, und so wird das Fest auch trotz aller Nöte und Entbehrungen, unter denen wir auch heute noch zu leiden haben, alter Überlieferung gemäß, wenn auch in einfacher Weise, gefeiert werden.“

1933 bis 1944

Bereits mit Wirkung ab dem Johannisfest 1933 verbot der Eschweger Magistrat jüdischen Kindern die Teilnahme am Fest. In der Sitzung des Eschweger Magistrates vom 17. Mai 1933, die von Bürgermeister Dr. Stolzenberg geleitet wurde, war laut Protokoll unter der laufenden Nummer 233 die „Ausschließung der jüdischen Schulkinder vom Johannisfest“ Gegenstand der Beratung. Der Magistrat fasste dazu folgenden Beschluss: „Zustimmung zum Beschluss der Johannisfestkommission“.

Dies nahmen die Eschweger Stadtverordneten im „Bericht über das Johannisfest“ in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 23. Mai 1933 zur Kenntnis. Im Eschweger Tageblatt vom 24. Mai 1933 heißt es zu dieser Sitzung: „Einen Bericht über die bisherigen Vorarbeiten für das Johannisfest erstattete Stadtv. Zschocke. Nach den Beschlüssen der Johannisfestkommission sollen Kinder in einfacher Weise an den Festlichkeiten teilnehmen. Es sollen keine Klassenunterschiede hervortreten. Seidene Garderobe ist auf jeden Fall verboten. Jüdische Kinder sind ausgeschlossen.“ In diesem Zusammenhang wird der Wortbeitrag des Beigeordneten der NSDAP Adam wie folgt zitiert: „Das Fest der Freude soll im freien nationalen Deutschland ein reines Fest der Kinder und der Heimat werden.“ Von 1933 bis 1944 wurde das Johannisfest stark durch den Nationalsozialismus geprägt.

Anders als im Ersten Weltkrieg fiel das Fest im Zweiten Weltkrieg nicht aus. Allerdings wurde der Festzug am Sonntag abgesagt. Von 1940 bis 1944 wurde das Johannisfest insbesondere zur Stärkung des Wehr- und Durchhaltewillens instrumentalisiert. So berichtet das Eschweger Tageblatt von 7. Juli 1943, dass der Eschweger Bürgermeister Dr. Beuermann in seiner Ansprache am Johannisfestsamstag 1943 von allen Versammelten verlangte, „die Herzen stark zu machen, wenn wir einmal auf die Probe gestellt werden sollten“. Er gab die Parole aus: „Je härter uns der Krieg anpackt, desto stärker soll unsere Kameradschaft sein.“ Er beendete seine Rede „mit dem Ausdruck des festen Glaubens an den Endsieg unserer Waffen und im Gedenken an den Führer, der mit seiner stolzen Wehrmacht die sichere Gewähr für diesen Sieg ist“. Das dreifache „Sieg Heil!“ auf den Führer und der Gesang der nationalen Hymnen beendeten die offizielle Johannisfestveranstaltung auf dem Marktplatz.

1945 bis 1947

1945 und 1946 verboten die amerikanischen Besatzer das Johannisfest. 1947 durfte es wieder stattfinden – ohne Trommler und Pfeifer. Die Militärregierung hatte nämlich Marschmusik verboten.

Ein unbekannter Zeitzeuge erinnert sich daran wie folgt: „Wenige Tage vor dem Fest hatte August Gleim, der dem Spielmannszug der Knabenbürgerschule, heute Alexander-von-Humboldt-Schule, die rechten Töne beibrachte, auf dem Schulhof Generalprobe seiner Trommler und Pfeifer gehalten. Mit klingendem Spiel waren die Buben an ihrem kritischen Ausbilder vorbeigezogen. Das hatte über den Zaun ein amerikanischer Offizier gesehen . Ein Kontrollratsgesetz wurde zitiert und Musikverbot ausgesprochen.“ Der Maienzug musste ohne Musik ziehen. Im Eschweger Mitteilungsblatt vom 8. Juli 1947 heißt es dazu mit (damals immer noch braun gefärbtem) ironischem Bezug auf die Entnazifizierungsverfahren: „Gottlob waren dem Fest selbst keine militärischen Tendenzen nachzuweisen, es bedurfte nicht der Befreiung durch die Spruchkammer.“

Die Amerikaner versuchten, der Eschweger Jugend den Verzicht auf flotte Märsche durch 20 Kilogramm Bonbons zu versüßen, die sie als Spende für das Johannisfest im Rathaus abgaben.

Alle Quellennachweise findet man in der Johannisfest-Broschüre der Stadt Eschwege.

Unser Autor

Thomas Große (64) ist ein waschechter Dietemann. Nach dem Besuch der Alexander-von-Humboldt-Schule und dem Abitur in Eschwege studierte er Rechtswissenschaften. Heute betreibt er eine Kanzlei in der Gartenstraße. Große ist Erster Stadtrat und gleichzeitig Vorsitzender der Johannisfestkommission. Er beschäftigt sich mit Vorliebe mit der Eschweger Stadtgeschichte.

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