Jungen sagen als Zeugen im Missbrauchs-Prozess vor dem Landgericht Kassel aus

Werra-Meißner. Weil der ehemalige Busfahrer die meisten der ihm vorgeworfenen Missbrauchs-Taten abstreitet, müssen die Schuljungen vom Kasseler Landgericht als Zeugen gehört werden. Dieser nicht einfachen und für die 13- bis 17-Jährigen oft mit großer Scham besetzten Aufgabe widmete sich die 1. Strafkammer mit Richter Jürgen Dreyer an der Spitze am Montag mit großem Fingerspitzengefühl.

Dem 57-jährigen Mann aus dem Werra-Meißner-Kreis wird vorgeworfen, einen anfangs Zwölfjährigen zwischen 2015 und 2017 rund 90-mal sexuell missbraucht zu haben. Gestanden hat der Mann nur jene zwei Taten, bei denen der Schüler Fotos und kurze Videofilme angefertigt hatte, um die Übergriffe zu belegen.

Der Fahrer von Schul- und Linienbussen nutzte offenbar die Faszination der riesigen roten Fahrzeuge für eine Gruppe von Jungen, die gerne damit durch Nordhessen zwischen Witzenhausen, Eschwege, Helsa und Kassel herumkurvten, um deren Vertrauen zu gewinnen. Manchmal waren die Jungs den ganzen Tag und auch nachts mit den Bussen unterwegs.

Der ältere Mann am Steuer der Busse gewann das Vertrauen der Jungen, wurde Teil ihrer Whatsapp-Gruppe, verschenkte auch schon mal ein Smartphone, um einem Jungen den Kontakt zu ermöglichen und lud die Schüler immer wieder in seine Witzenhäuser Wohnung ein.

Die jungen Zeugen sagten in Begleitung von Mutter oder Vater aus. Um die strenge Situation zwischen Richter und Zeugen zu entspannen, verließ Richter Dreyer sogar den erhöhten Richtertisch und setzte sich mit an den Zeugentisch, um auf Augenhöhe mit den Teenagern zu reden.

Die wanden sich im voll besetzten Gerichtssaal mitunter förmlich vor Peinlichkeit, wenn sie schilderten, wie der ältere Mann sie mit Alkohol – dem Mischgetränk „Opa Heinz“ – und Shisha-Pfeife und Fernsehen satt in seine Wohnung lockte. Ein heute 14-Jähriger berichtete von verstörenden Griffen an intime Körperbereiche, die er nur mit Mühe zurückweisen konnte. Immerhin habe der Busfahrer die Ablehnung letztlich akzeptiert, die Jungens oft im Privatwagen nach Hause gebracht.

Als das Hauptopfer der Übergriffe seinen Whatsapp-Kumpels in der Busfreundegruppe von den zahlreichen Übergriffen des angeblich „väterlichen Freundes“ berichtete, reagierten die mit Unglauben. Erst als er mit dem Handy ein Foto anfertigte, glaubten sie ihm.

Ein heute 17-jähriger Zeuge gab an, die Eltern des Jungen informiert zu haben, was letztlich zur Inhaftierung des Mannes führte.

Der Zeuge berichtete auch, dass der Busfahrer mit dem Jungen mehr Zeit verbringen wollte als mit der eigenen Ehefrau, die inzwischen die Scheidung eingereicht hat. Als der Junge sein Interesse am Busfahren nach Kassel verlagerte und fast nur noch mit dem Nachtschwärmerbus unterwegs war, habe ihn der Angeklagte mit seinem Pkw verfolgt.

Ein 16-Jähriger – er strebt eine Ausbildung zum Busfahrer bei der KVG an – berichtete, der Angeklagte habe ihm 100 Euro geboten, wenn er ihm ein Bild vom Penis des anderen Jungen liefert.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, 25. April, fortgesetzt. Dann soll die Psychiaterin Birgitt von Hecker ihr Gutachten abgeben. Auch das Urteil könnte dann fallen.

Von Thomas Stier

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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