René Kollo im Interview mit der Werra-Rundschau: Der Startenor denkt noch lange nicht daran, mit der Musik aufzuhören

Kein Grund, den Pensionär zu spielen

René Kollo kommt nach Eschwege. Am 29. Dezember gibt der Kammersänger, der letzten Monat seinen 75. Geburtstag feiern konnte, um 19.30 Uhr in der Eschweger Marktkirche ein hochkarätiges Konzert, in dem er mit seinem breitgefächerten Repertoire jeden Geschmack treffen wird. Das Interview mit dem Startenor führte Gudrun Skupio.

Ihr Vater und ihr Großvater waren bekannte Komponisten und Textdichter. Sie sind also Musiker in dritter Generation. Wurde Ihnen dadurch sozusagen die Musik mit in die Wiege gelegt?

René Kollo: Mit solchen Äußerungen bin ich vorsichtig, sonst würde ja auch jeder Metzgersohn automatisch ein Metzger werden. Ich würde sagen, es war bei mir weder Antipathie noch Sympathie, sondern Entwicklung und Arbeit, durch die ich zur Musik gekommen bin.

Sie stehen jetzt seit über 50 Jahren auf der Bühne. Würden Sie heute etwas anders machen, wenn Sie könnten, oder stehen Sie voll und ganz hinter Ihrem Werdegang?

Kollo: Es war definitiv die richtige Entscheidung. Es war eine sehr schöne Zeit, die nicht hätte besser sein können.

Am 20. November haben Sie Ihren 75. Geburtstag begangen und sind somit einer der ältesten noch aktiven Tenöre. Denken Sie in nächster Zeit daran, mit dem Singen aufzuhören?

Kollo: Noch sehe ich keinen Grund, Pensionär zu spielen. Stimmlich bin ich auch in Ordnung. Solange die Gesundheit es zulässt, möchte ich weiter singen. So muss ich nicht zuhause sitzen und mache etwas Sinnvolles.

Was sind denn die Probleme, die die Stimme im Alter beeinflussen können?

Kollo: Die Stimme wird einfach brüchig und ist nicht mehr so kräftig. Viele singen bereits mit 60 Jahren schlechter als früher. Das ist auch eine Gesundheitsfrage. Obwohl ich meine Stimme nicht geschont habe und recht schwierige Stücke, Heavy Stuff - wie wir sagen, gesungen habe, hat sie das alles sehr gut überstanden und ist noch brauchbar. Ich sage jetzt mal ganz arrogant, ich kenne keinen, der in meinem Alter noch so singt wie ich.

In Ihrer Familie hat die Leidenschaft zur Musik bereits Tradition. Sie haben eine 45-jährige Tochter aus erster Ehe und drei Kinder im Alter zwischen 20 und 27 Jahren aus zweiter Ehe. Haben Ihre Kinder denn auch musikalische Laufbahnen eingeschlagen?

Kollo: Gott sei Dank haben sie diesen Wunsch nicht gehabt, da sie zu der popverseuchten RTL-Generation gehören. Sie sind zwar alle musikalisch, aber werden etwas Vernünftiges. Ein bisschen mehr Interesse für die klassische Musik hätte ich mir jedoch von Ihnen gewünscht, aber vielleicht kommt das noch. Vor 30, 40 Jahren waren die Zeiten noch besser, aber jetzt hätte ich ihnen auch nicht empfohlen, in diese Richtung zu gehen. Die Opernhäuser werden zusammengespart, die Sänger können nicht mehr von ihren Gagen leben und müssen Nebenjobs annehmen, um über die Runden zu kommen.

Wer zeichnet Ihrer Meinung nach für diese negative Entwicklung im klassischen Bereich verantwortlich?

Kollo: Kultur ist eine Frage der Politik, denn die gibt das Geld. Wenn die Politik aber nicht mehr an klassischer Musik interessiert ist, ist diese dem Untergang geweiht. Demokratie ist was Schönes, aber es ist und bleibt eben eine Wirtschaftsform.

Ist dieses Problem nur in Deutschland so gravierend vorhanden oder weltweit?

Kollo: Die prekäre Lage der klassischen Musik ist überall zu spüren. Lange Zeit haben uns die Amerikaner, Franzosen und Engländer um unser deutsches Prinzip beneidet. Über 200 Opernhäuser wurden vom Staat geführt und nicht subventioniert wie in diesen Ländern. Wenn wir alles zumachen, brauchen wir kein Geld mehr und haben auch keine Kultur mehr.

Wie sehen Sie die Zukunft der klassischen Musik?

Kollo: Im Fernsehen kommt alles nur noch aus Amerika, die klassische Musik ist komplett vom Bildschirm verschwunden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen die Titel nicht mehr kennen. Ich bin da realistisch und denke, dass spätestens in 20 Jahren niemand mehr etwas von dieser Musik weiß.

Was werden die Gäste bei Ihrem Konzert in der Marktkirche zu hören bekommen?

Kollo: Es wird kein rein klassisches Konzert geben. Neben Händels „Ombra mai fu“ werde ich noch zwei weitere italienische Lieder singen. Ansonsten singe ich unter anderem auch kirchliche Lieder, „Auf der Heide blühen die letzten Rosen“ von Robert Stolz und ein selbstkomponiertes Chanson meines Vaters. Es wird eine Mischung aus unterhaltender, aber guter Musik geben, Titel, die anspruchsvoll, aber populär sind. Dieses umfangreiche Repertoire kriegen die Zuhörer sobald nicht wieder zu Ohren. Zwischendurch erzähle ich pointierte Geschichten, die mit den Komponisten zusammenhängen und die Zuschauer auf jeden Fall zum Lachen bringen werden.

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