Kostbarkeiten am Wegesrand: Eine Wanderung zu den Hie- und Kripplöchern

Am Rand des Weges entdeckt: Eine Karthäusernelke, von den gleichnamigen Mönchen kultiviert und verbreitet.

Im östlichen Meißnervorland befindet sich das Naturschutzgebiet Kripp- und Hielöcher. Entlang des P2 Frankershäuser Karst gibt es dort viel zu entdecken.

Wir waren bei einer geführten Wanderung vom Geo-Naturpark Frau-Holle-Land dabei.

Ein kurzer Blick auf mein Handgelenk: 10 Uhr. Pünktlich treffe ich auf dem Wanderparkplatz beim Sportplatz in Frankershausen ein. „Von hier aus laufen wir erst einen Teil des Rundweges, der zu den Hielöchern führt“, erklärt Wanderführerin Anke Meißner vom Geo-Naturpark Frau-Holle-Land allen Teilnehmern der geführten Tour. „Danach folgt ein kurzes Stück auf dem P2, den wir hinter der Oberdorfer Mühle wieder verlassen, um zu den Kripplöchern zu gelangen.“

Mit Rucksack, bequemen Schuhwerk und Sonnenbrille ausgestattet, geht es los in Richtung Wenkeberg. Noch bevor wir dort angekommen sind, hält Anke Meißner an einem großen Stein an. „Ein für dieses Gebiet typisches Gestein“, meint sie. „Das ist ein Dolomit. Zu Pulver verarbeitet, ist er aufgrund seines Magnesium- und Kalziumgehalts Bestandteil von Tabletten, die den Erhalt von Knochen und Zähnen unterstützen.“

Während den Worten der Naturparkführerin gelauscht wird, stehen wir auf dem Grund eines mehr als 250 Millionen Jahre alten Meeres. „Im Zechenmeer lagerten sich wechselweise Kalke, Salze und Gipse ab. Zur Auslagerung der Gipsschichten kam es später durch eindringendes Wasser“, erklärt Meißner. „So entstanden Hohlräume, die einstürzen können. Bis heute hält die Dolinenbildung an und ist in den Hielöchern sehr intensiv.“

Übrigens: Die vielen Magerwiesen im Naturschutzgebiet werden mehrmals im Jahr von einer 600-köpfigen Hüteschafherde beweidet, wodurch die Kulturlandschaft erhalten wird.

Ein sprechender Busch und viele Orchideen

Vor dem Verlassen des Rundweges machen wir Stopp an einer Wiese voller Orchideen. Zahlreich vorhanden ist dabei das Dreizähnige Knabenkraut, das dort seit Anfang Mai blüht und die Orchidee des Jahres 2019 ist. Plötzlich ist die ganze Gruppe in Aufruhr. Eine Frau schreit kurz auf vor Schreck. Ihr gegenüber steht auf einmal ein sprechender Busch. Es ist der Wacholdermann, die Symbolfigur des Heimat- und Verkehrsvereins Berkatal. „Hallo ihr lieben Leute, welche Unruhe bringt ihr in mein Gebiet?“, fragt er uns und erzählt ein wenig über sich. „Mein Kostüm aus echten Wacholderzweigen ist etwa 20 Kilogramm schwer und hält nur wenige Wochen.“ Zum Abschied schenkt er für jeden noch ein Gläschen von seinem Doppelwacholderschnaps aus. Der schmeckt etwas bitter und weniger süßlich als erwartet. Dennoch gehört er zu dieser Wanderung einfach dazu, finden alle.

Beeindruckend ist am Rand des schmalen Weges, der zu den Kripplöchern führt, eine Linde, die in einem Steinbruch gewachsen ist. Dort hören wir von der Wanderführerin eine alte Sage, in der es um verlorenes Glück geht und in der auch die Frau Holle eine Rolle spielt, und ziehen anschließend weiter.

Ebenfalls am P2 gelegen sind die beiden Karstquellen namens Breitenborn und Kressenborn, die nur etwa 100 Meter voneinander entfernt liegen. Sie werden durch die schnell versickernden Niederschlagsgewässer der Karstgebiete Hie- und Kripplöcher gespeist. „Karstgebiete, das sind Kalkregionen, in denen Regen und Oberflächenwasser in dem rissigen und zerklüfteten Kalkgestein sehr schnell in unterirdische Gangsysteme versickert“, berichtet Anke Meißner. „Nach kurzer Verweilzeit kommt dieses Wasser in Karstquellen wieder an die Oberfläche.“

Die letzte Etappe der Wandertour führte zu den Kripplöchern. Sie liegen außerhalb vom Premiumweg. Ohne Wanderführer darf das Gebiet nicht betreten werden. „Es ist nicht ganz ungefährlich, sich dort fortzubewegen. Gerade, weil die Wege schmal und die Löcher sehr tief sind“, meint die Naturparkführerin und merkt an: „Das Wort Kripp steht für Vertiefung und Hie bedeutet Höhle.“

Angst müssen Wanderer dennoch nicht haben, wenn sie durch die Kripplöcher laufen. Die Aussicht auf das bedeutendste Erdfallgebiet in Nordhessen ist auf jeden Fall sehenswert und für die Region einzigartig. „Wir leben schon viele Jahre im Werra-Meißner-Kreis und sind bisher noch nie zum Wandern hier gewesen. Das letzte Mal wird es sicher nicht gewesen sein, wir kommen auf jeden Fall wieder“, sagt eine Teilnehmerin der Tour auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt. Sie wird nicht die Einzige aus der Gruppe sein, die bald nochmal durch das Naturschutzgebiet wandert.

Drei Stunden sind seit dem Beginn der Wanderung vergangen. Ich suche meinen Autoschlüssel aus dem Rücksack raus, setze mich hinter das Lenkrad und schaue mir auf meiner Kamera die geschossenen Bilder an. Sie bleiben wohl nicht für immer auf der Speicherkarte – dafür aber die Erinnerungen in meinem Kopf an eine Tour, die mal wieder gezeigt hat, wie schön es in der Mitte von Deutschland ist.

Kuhgespann versinkt im Loch

Am 1. Juli 1958 machte sich ein Bauer aus Frankershausen mit seinem Kuhgespann auf den Weg zu den Kripplöchern. Dort wollte er Grünfutter für seine Tiere einsammeln. Seine beiden Kühe ließ er währenddessen grasen. Auf einmal merkte er, dass diese unruhig wurden und sich hektisch bewegten. Darauf brach eine der beiden bis zum Brustkorb in den Untergrund ein. 

Der Bauer versuchte, das Tier aus dem Loch zu ziehen, doch sein Einsatz scheiterte und am Ende stürzten beide Kühe in das Loch. Obwohl es nicht sehr tief war, konnte er seine Tiere weder sehen noch hören. Er holte sich Hilfe von Menschen aus dem Dorf, doch auch sie konnten seine zwei abgestürzten Kühe beim Hinabschauen in das Loch nicht erkennen. Die Story sprach sich schnell herum und viele Leute suchten die Unfallstelle aus Neugier auf. Keiner konnte wirklich glauben, was dort geschehen sein soll. Einige warfen dem Bauern Versicherungsbetrug vor – doch er hatte gar keine.

Zwei Jahre später standen auf einmal zwei Kuhschädel neben dem Loch und es konnte tatsächlich nachgewiesen werden, dass es die der beiden abgestürzten Tiere waren. Keiner wusste aber, wie sie aufgetaucht sind. Über 20 Jahre später wurde das Rätsel gelöst: Ein Mann hatte sich in das Loch getraut, welches zehn Meter gerade runter und weitere 30 Meter schräg verläuft, und die Schädel gefunden. Aus privaten Gründen berichtete er jahrelang niemanden von seiner Aktion, verbotenerweise in das Loch gestiegen zu sein.

Kontakt:

Eine Wanderung mit einem Naturparkführer durch das Naturschutzgebiet der Kripp- und Hielöcher zum Wunschtermin können (Kleinst-) Gruppen unter folgender Telefonnummer buchen 0 56 51/99 23 30. Den Geo-Naturpark Frau-Holle-Land erreichen Sie auch per Mail: info@naturparkfrauholle.land

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