„Es gab Gewaltandrohungen“

Landtagsabgeordneter Felix Martin über Homofeindlichkeit

Felix Martin spricht offen über seine HIV-Erkrankung.
+
Felix Martin spricht offen über seine HIV-Erkrankung.

Der hessische Landtagsabgeordnete Felix Martin (Bü90/Grüne) spricht im Interview über Homofeindlichkeit und seine Aids-Erkrankung. Anlass ist der heutige  Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit statt, mit dem auf Diskriminierung von Menschen hingewiesen werden soll, die in ihrer sexuellen Orientierung von der Heterosexualität abweichen. 

Werra-Meißner - Der Aktionstag wird seit 2005 begangen und erinnert an den 17. Mai 1990, an dem die Weltgesundheitsorganisation beschloss, Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen.

Wir sprachen mit dem heimischen Grünen-Landtagsabgeordneten Felix Martin (25), der offen mit seiner Homosexualität umgeht, über das Thema.

Herr Martin, wie sinnvoll sind solche Aktionstage?

Wir alle verdienen in unserer Unterschiedlichkeit Respekt. Diskriminierung im Alltag ist nach wie vor ein großes Problem und um darauf hinzuweisen, gerade auch Menschen, die nicht jeden Tag damit in Berührung kommen, braucht es solche Tage.

Sie gehen offen mit Ihrer Homosexualität um. Gab es Momente, in denen es schlauer gewesen wäre, diese zu verschweigen?

Es wäre der einfachere Weg. Aber der einfache Weg ist nicht zwangsläufig der beste. Viele nicht heterosexuelle Menschen haben schon Anfeindungen und komische Blicke erlebt, aber ich war nie jemand, der ein Problem damit hat, mit seinem Freund Händchen haltend über das Johannisfest in Eschwege zu gehen. Ich würde das jederzeit wieder tun, denn wenn ich das nicht als Normalität begreife, wie sollen es dann andere?

Sie sind im Werra-Meißner-Kreis aufgewachsen. Dem ländlichen Raum wird generell eine konservativere Haltung zugeschrieben. Wie schwer ist es heute noch, auf dem Land homosexuell zu sein?

Ich habe schon in Großstädten und auch auf dem Land schiefe Blicke erhalten. Die erste Reaktion meiner Oma war damals: „Ach, dann kriege ich von dir gar keine Enkel.“ Zwei Sekunden später sagte sie aber schon: „Ach, gut. Dann kannst du welche adoptieren.“ Ich habe sehr viele Menschen im Werra-Meißner-Kreis erlebt, für die meine Sexualität nie ein Problem war.

Bleibt es denn immer bei schiefen Blicken?

Das geht auch darüber hinaus. Betrunkene sagen immer die Wahrheit (lacht). Auch wenn die Wahrheit nicht schön ist. Es gab schon beleidigende Dinge oder Gewaltandrohungen, die mir hinterhergerufen wurden.

Was glauben Sie, warum Menschen heute überhaupt noch ein Problem damit haben?

Ich verstehe nicht, warum es Menschen interessiert, welche sexuelle Orientierung man hat – mir persönlich ist das egal. Ich erlebe manchmal die Situation, dass es heterosexuelle Männer gibt, die denken, bloß weil ich homosexuell bin, finde ich sie attraktiv. So, als würde ich jeden Mann attraktiv finden, was natürlich totaler Unsinn ist. Wir haben in Deutschland aber auch lange die Situation gehabt, dass es keine Normalität war: Homosexualität wurde bis 1990 als eine Krankheit geführt, bis 1994 war sie in Deutschland strafbar. Das ist nicht so lange her, wie ich es gerne hätte.

Macht Sie die Diskriminierung denn wütend?

Ich habe eine sehr eigene Art damit umzugehen, gehe auf die Menschen zu und frage sie, was das soll. Häufig rechnen sie nicht damit. Das hat zwar schon zu brenzligen Situationen geführt, aber ich werde das weiter so machen. Einfach auch, weil den Menschen bewusst wird, was sie für einen Quatsch machen.

Sie haben nach der Landtagswahl 2018 gesagt, sie möchten Queer-Politik machen. Ist das gelungen?

Eines meiner ersten Anliegen war, ein Verbot der Konversionstherapie voranzutreiben. Das sind pseudowissenschaftliche Therapien, bei denen Homosexuellen eingeredet wird, sie seien krank und könnten sich heilen lassen. Bis zum vergangenen Jahr war das noch auf Bundesebene erlaubt. Leider hat der Bund es aber nur für Minderjährige verboten. Diese Methoden haben schon zu Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Selbstmorden geführt. Außerdem haben wir uns dafür eingesetzt, dass homosexuelle Männer Blut spenden dürfen – das ist nach wie vor nur möglich, wenn sie zwölf Monate enthaltsam leben. 2020 wurde erstmals der hessische Preis für lesbische Sichtbarkeit verliehen und im Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt stehen Gelder für diese wichtige Arbeit bereit. Hessen hat sich den UNAIDS-Zielen der UN angeschlossen und Geld für ein Forschungsvorhaben zur HIV-Prävention bereitgestellt. Während die Infektionszahlen in der Hauptinfektionsgruppe – Männer, die Sex mit anderen Männern haben – sinken, steigen sie bei Heterosexuellen.

2017 haben Sie die Diagnose erhalten, HIV-positiv zu sein. Warum haben Sie das sofort öffentlich gemacht?

Bei vielen lebensbedrohlichen Erkrankungen machen wir uns Sorgen, wenn eine Person aus unserem näheren Umfeld erkrankt, und wollen uns kümmern. Bei HIV war meine Erfahrung, dass viele nicht wussten, was das konkret für eine Person bedeutet, und sie ein veraltetes medizinisches Bild hatten. Es gab Menschen, die Angst davor hatten, sich bei mir anzustecken, weil ich ihnen die Hand gebe. Und auch solche, die die Erkrankung zum Anlass nahmen, mich schlechtzumachen. Gerade weil HIV mit Themen wie Sexualität und Drogenkonsum in Verbindung gebracht wird, die in der Öffentlichkeit ungern besprochen werden, habe ich mich entschlossen, die Diagnose in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn für mich als politische Person macht es auch Sinn, um damit eine politische Botschaft zu setzen.

Hat sich Ihr Alltag durch die HIV-Erkrankung denn geändert?

Ich hatte am Anfang eine Lungenentzündung bekommen, die mich einige Monate beschäftigt hat. Die ersten politischen Termine hatte ich auch noch mit dem Krückstock meiner Oma wahrgenommen. Mittlerweile ist alles in bester Ordnung. Das Einzige, was sich in meinem Alltag verändert hat, ist, dass ich morgens zwei Tabletten nehme.

Was würden Sie Menschen raten, die sich selbst noch nicht als homosexuell geoutet haben?

Das ist hochpersönlich und hängt von vielen Faktoren ab. Wir haben leider auch noch viele Jugendliche, die sich outen und dann von ihren Eltern rausgeschmissen werden oder sich total zerstreiten. Das muss jede Person wirklich individuell für sich entscheiden. Ich persönlich hatte dieses Outing nie, sondern ich habe irgendwann einfach mal meinen Freund mitgebracht – und dann war das einfach so. Jede heterosexuelle Person kommt ja nicht auf die Idee, ihren Eltern zu sagen, dass sie hetero ist, sondern bringt irgendwann ihren Freund oder ihre Freundin mit. Eben ganz normal.

Von Maurice Morth

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare