BLICKPUNKT WERRA-MEISSNER Agrarpaket am Beispiel eines konventionellen Milchviehbetriebs

Landwirte hadern mit Bürokratie

Martin Schmidt (links) und Sohn Max Weiland
+
Landwirte mit Tradition: Martin Schmidt (rechts) ist der Chef des Sontraer Milchviehbetriebes, sein Sohn Max Weiland (21) studiert Landwirtschaft. Fotos: Nina Kleemann

Martin Schmidt führt einen konventionellen Milchviehbetrieb in Sontra-Donnershag. Er beschreibt, was die von Bauern scharf kritisierte Agrarpolitik für sein Unternehmen bedeutet.

Sontra. Der landwirtschaftliche Betrieb der Familie Schmidt/Weiland in Sontra- Donnershag ist kein Bauernhof, wie er in Bilderbüchern vorkommt. Der Boden des weitläufigen Hofes ist um diese Jahreszeit schlammüberzogen, der Wind pfeift kalt über die Anhöhe, zwischen den große Stallungen rangieren Schlepper mit ganzen Paletten von Futter. Der Milchviehbetrieb ist ein konventionell arbeitendes Unternehmen, das gar nicht den Eindruck von Ferien auf dem Bauernhof vermitteln will.

200 Milchkühe, täglich 5500 Liter Milch

200 Milchkühe stehen im Stall, 20 Kühe befinden sich aktuell im Trockenstand, weil sie demnächst kalben, eine kleine Schafherde tummelt sich in einem weiteren Stall und ein friedlicher, leicht übergewichtiger Hund schlappt über den Hof.

Täglich produziert der Betrieb 5500 Liter Milch, alle zwei Tage kommt der Tanklaster und holt die Milch für die Molkerei ab. Zugleich bewirtschaftet der Betrieb 150 Hektar Fläche und betreibt eine eigene Biogasanlage. Mit im Geschäft sind Martin Schmidts 21-jähriger Sohn Max Weiland und dessen Schwester Alice (19), die beide Landwirtschaft studieren. Aber vor allem Max ist im Moment mehr auf dem Hof als über den Büchern. Der Großvater Heinrich Schmidt ist 78 und hat sich vor einigen Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen.

Betrieb investiert in Melkroboter 

Im vergangenen Jahr hat der Betrieb groß investiert. „Das haben wir gemacht, damit die Kinder Zeit zum Studieren haben“, sagt Betriebschef Martin Schmidt. Angeschafft wurde unter anderem in einen Melkroboter, den die Kühe von allein aufsuchen, der selbstständig melkt und dabei nicht nur Milchmenge, sondern auch Melkfrequenz, die Anzahl der Wiederkäue des Tieres und seine Futtermenge erfasst und dokumentiert.

Schmidt aktiv bei "Land schafft Verbindung" 

Martin Schmidt ist in dritter Generation hier auf dem Donnershag Landwirt und seines Zeichens auch aktiv im Bundesbeirat der Bewegung „Land schafft Verbindung“, die in der Öffentlichkeit vor allem mit ihren Protestaktionen gegen das Agrarpaket der Bundesregierung für Furore sorgt.

Er kritisiert die strengen Kontrollen der Behörden. „Wir sind kein Freund davon, dass wir alles dokumentieren müssen“, sagt Schmidt.

„Wir dürfen eine Fehlerquote von drei Prozent haben, sonst gibt es Kontrollen und Sanktionen“, sagt Max Weiland. Die Behörden würden ihren Handlungsspielraum gegen die Landwirte maximal ausnutzen. Die Betriebe müssen für jedes Tier eine doppelte Dokumentation führen, Papierpässe für jedes Tier haben, „die aber keine Funktion haben, weil eh alles in digitalen Dateien hinterlegt ist.“ Ist der Papierpass aber weg oder beschädigt, muss er aufwendig nachbesorgt werden.

Drei bis vier Stunden pro Woche muss der Chef für die Dokumentationsarbeit aufbringen, pro Jahr noch mal eine Woche für alle Anträge für Agrarsubventionen.

Düngeverordnung: Co2-Bilanz steigt 

Besonders erbost aber sind die Landwirte über die Düngeverordnung. Martin Schmidt rechnet vor, dass die CO2-Bilanz des Betriebes sich aufgrund der Verordnung jährlich um 200 bis 300 Tonnen verschlechtere. Laut der neuen Düngeverordnung dürfen die Landwirte 20 Prozent weniger Düngen, als ihre Pflanzen für ihr Wachstum brauchen. „Die Zwischenfrucht ohne Dünger bindet nicht ausreichend Stickstoff und Kohlenstoff, die die Hauptfrucht Mais braucht“, erklärt Max Weiland. Letztendlich bedeute das Mindererträge. Hinzu kommt, dass der Betrieb nun mehr Gülle hat, als er ausbringen darf. „Entweder wir müssen unseren Tierbestand reduzieren oder zusätzliche Güllelager bauen oder die Gülle per Lkw abtransportieren lassen“, sagt Schmidt. Die Folge: wieder deutlich mehr Verkehr.

Messstellen für Nitrate konzentrieren sich an belasteten Stellen 

Hintergrund der Düngeverordnung sind kritische Nitratwerte im Boden, allerdings gibt es im Werra-Meißner-Kreis bisher kein einziges sogenanntes rotes Gebiet, in dem die Nitratgrenzwerte überschritten werden. Deutschlandweit geben es nur 700 Messstellen und die seien größtenteils an stark belasteten Standorten – das kleine Nachbarland Österreich hat doppelt so viele.

Bauern fühlen sich Von Tierschützern zu Unrecht kritisiert

Auch von Tierschützern fühlen sich die konventionellen Landwirte zu Unrecht angegriffen. „Wir sind sehr daran interessiert, dass sich die Tiere wohlfühlen“, versichert Max Weiland. Dass das keine leeren Worte sind, begründet er mit einer einfachen Logik: „Milch ist die Abwesenheit von Stress.“ Kühe seien sehr sensibel, wenn sie sich nicht wohlfühlen, sinke sofort die Milchleistung. Da reiche es manchmal aus, dass eine höherrangige Kuh im Weg steht.

Jetzt im Frühjahr will auch Martin Schmidt, der ständig am Telefonieren ist, sein Engagement für die „Land schafft Verbindung“ wieder etwas zurückfahren. „Eigentlich sind wir Bauern“, sagt Schmidt, „ die gern im Dreck wühlen. Wir wollen keine Kontrolleure werden.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare