Zahl der konventionellen Betriebe geht zurück

Im Werra-Meißner-Kreis boomt der Ökolandbau

Eine junge Frau hat ein Huhn im Arm und sitz neben bunten Gemüsekisten
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Gita Sandrock - Vermarktung regionaler Produkte

Die Landwirtschaft im Werra-Meißner-Kreis steht gehörig unter Druck. Das geht aus dem Bericht zur Lage der Landwirtschaft hervor, den der Fachbereich Landwirtschaft der Kreisverwaltung alle drei Jahre herausgibt.

Im neuesten Bericht, der gerade im Ausschuss diskutiert wird, wird beschrieben, dass die Zahl der Betriebe genauso zurückgeht wie die Menge der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Kreis und die Durchschnittsgewinne der Betriebe. Einzig der Ökolandbau gewinnt seit zehn Jahren kontinuierlich dazu.

Klimawandel macht Landwirten zu schaffen

Der Klimawandel macht den Landwirten in der Region wie allerorten zu schaffen. Heiße, trockene Sommer und zu wenig Niederschlag hat Auswirkungen auf die Ernteerträge und dadurch auf die Gewinne der landwirtschaftlichen Betriebe. „Land- und Forstwirtschaft sind damit konfrontiert, ihre Abbausysteme neu gestalten zu müssen“, lässt Umweltdezernent Dr. Rainer Wallmann in dem Bericht verlautbaren. Die Folge: Der Gewinndurchschnitt wird im Kreis seit 2014 unterschritten. Den erzielten Durchschnittsgewinn von 58 000 Euro sieht der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen als unbedingt notwendig an, allein um finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können. Von den Gewinnen müssen noch Altersvorsorge und betriebliche Investitionen bestritten werden.

Ökobetriebe hingegen haben einen um 18 Prozent höheren Unternehmensgewinn. „Das liegt an den um 64 Prozent höheren staatlichen Zuschüssen“, heißt es in dem Bericht. Das haben die Landwirte registriert. Während die Zahl der Betriebe im Kreis um zehn Prozent geschrumpft ist (besonders betroffen sind Sontra und Waldkappel), hat sich die Zahl der Ökobauern in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. 2009 setzten 68 Betriebe auf ökologische Landwirtschaft, heute sind es 117 – ein Plus von 48 Prozent. Damit sind etwa zwölf Prozent aller Landwirte im Kreis Öko-Bauern. Das entspricht dem deutschlandweiten Schnitt. Eine besondere Bedeutung kommt Witzenhausen zu. Hier gibt es 18 zusätzliche Landwirtschaften seit 2009 – fast alle werden ökologisch geführt.  Foto: privat » 

Landwirtschaft steht unter Druck

Anhand des vierten Berichts zur Lage der Landwirtschaft im Werra-Meißner-Kreis, der Daten bis zum Jahr 2019 erfasst, und Uwe Roth, dem Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, überprüfen wir fünf Thesen zum Thema Landwirtschaft.

These 1: Die Landwirtschaft steht enorm unter Druck: Stimmt. Die Landwirtschaft muss sich anpassen, heißt es in dem Bericht. Zunehmend komplexere rechtliche Regelungen, der Klimawandel und „eine veränderte Wahrnehmung von Landwirtschaft in einer empört-gereizten Gesellschaft“ macht den konventionellen Betrieben zu schaffen. In den letzten Jahrzehnten habe das Wissen in der Bevölkerung über Landwirtschaft „deutlich abgenommen“, die Diskussion über Landwirtschaft jedoch „deutlich zugenommen“.

Zudem würden Düngung, Pflanzenschutzmitteleinsatz und Regelungen zur Tierhaltung familiengeführten bäuerlichen Betrieben das Leben schwer machen. „Die Tatsache für alles und jedes verantwortlich gemacht zu werden, sei es die negative Entwicklung der CO2-Bilanz, sei es das Insektensterben, die Nitratbelastung des Grundwassers und vieles mehr, zehrt an den Nerven und reduziert das Selbstbewusstsein und die Berufsethik erheblich“, sagt der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Uwe Roth.

These 2: In der Landwirtschaft wird weniger Geld verdient. Stimmt nur teilweise. Auf die konventionelle Landwirtschaft trifft das sicherlich zu. Von den 58 000 Euro Gewinn, die ein hessischer Bauer einfährt, muss er noch Rücklagen für die Altersvorsorge bilden und betriebliche Investitionen tätigen. Tierhaltungsbetriebe haben ein höheres Einkommensniveau, Ackerbauern ein niedrigeres. Im Wirtschaftsjahr 2014 gab es einen drastischen Einkommensrückgang in allen Betriebsformen.

Nahezu überall gab es einen Preisrückgang. In den Jahren 2016 bis 2018 hat sich der Markt erholt und wurde dann von den Dürren getroffen. Öko-Betriebe erwirtschaften grundsätzlich einen um 18 Prozent höheren Unternehmensgewinn, aber auch ihre Lage sei unbefriedigend, heißt es in dem Bericht. „Die Erzeugerpreise für viele Öko-Produkte (z.B. Rindfleisch) sind zu niedrig.“

Die derzeitige Situation sei katastrophal, sagt auch Roth. Steigende Verbraucherpreise durch besseres Wetter und höhere Erträge könnten die Situation durchaus verändern.

These 3: Öko-Produkte sind immer mehr gefragt. Stimmt nicht. Die Öko-Landwirtschaft im Kreis hat sich in den vergangenen zehn Jahren zwar verdoppelt, stößt aber aktuell „wegen zum Teil nicht nachkommender Nachfrage der Produkte an Grenzen“. Nach vielen Jahren der Zunahme zeichne sich eine Abschwächung des Trends ab, der in der Zukunft wohl nicht umgekehrt wird. „Gefragter sind Öko-Produkte nur, wenn sie sich den konventionell erzeugten Produkten anpassen“, sagt Roth. Und dann sei der Bioproduzent der Verlierer,

These 4: Die Verbraucher setzen mehr auf regionale Lebensmittel. Stimmt. Die Versorgung mit regionalen Lebensmitteln befinde sich im Aufwärtstrend. Die Erzeuger arbeiteten verstärkt untereinander zusammen. „Das Spektrum der Erzeugnisse wird immer vielfältiger und die Bezugsmöglichkeiten für die Bevölkerung immer besser.“ Im Bericht wird empfohlen, den Ballungsraum Kassel – gerade für Öko-Produkte – verstärkt zu erschließen, um die regionalen Absatzpotenziale zu verbessern.

These 5: Die Autobahn frisst Flächen auf. Stimmt auch. Der Flächenverlust durch Baumaßnahmen ist nach Erkenntnissen des Werra-Meißner-Kreises in erster Linie auf den Neubau der A 44 zurückzuführen. Sontra hat 326 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren, Waldkappel 187 Hektar, Wehretal 180 Hektar.

Die 84 Hektar Verlust in Neu-Eichenberg sind in erster Linie den Flächenumwidmungen für das geplante Gewerbegebiet zuzuordnen.

Sollte das Erdkabelvorhaben Südlink im Werra-Meißner-Kreis realisiert werden, würde dies zwar „kaum einen direkten Verlust an landwirtschaftlicher Nutzfläche bewirken, wohl aber erhebliche Behinderungen in der Bewirtschaftung bis hin zu länger anhaltenden Ertragseinbußen“, heißt es in der Einschätzung des Fachbereichs Landwirtschaft.

Von Tobias Stück

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