Leben mit chronischen Depressionen: Ingo Bachmann wollte Suizid begehen

Versucht der Krankheit zu trotzen: Ingo Bachmann (40) aus Hoheneiche (Wehretal) leidet seit vielen Jahren unter Depressionen. Er lebt viele schlechte Tage, aber er hat auch gute. 

Ingo Bachmann ist chronisch an Depressionen erkrankt. Seit 17 Jahren kämpft er – manchmal verliert er, aber es gibt auch Tage, wo er gewinnt.

Ingo Bachmann sieht nicht aus wie ein fröhlicher Mann, aber sieht auch nicht aus wie ein kranker Mann. Fester Handschlag, direkter Blick, Kaffee, Zigaretten. Der 40-Jährige führt in Hoheneiche ein florierendes Autohaus, seit Mai dieses Jahres als alleiniger Chef. Er hat zwei gesunde Töchter, eine Frau, ein Haus, Teich, Katze, Auto, Wohnmobil – fast alles, was er sich wünscht. „Ich habe ein schönes Leben, aber mein Gehirn sagt mir etwas anderes“, sagt Bachmann. Seine klinische Diagnose lautet chronische Depressionen.

„Ich versuche, offen damit umzugehen. Es ist mir egal, was die Leute im Dorf reden“, sagt Bachmann, der in Hoheneiche aufgewachsen ist, trotzig. „Die Leute sehen einen auf der Straße und denken, dem geht‘s doch gut. Was sie nicht sehen, ist, wie man im Bett liegt und nicht aufstehen kann.“

Bevor Ingo Bachmann im Frühjahr dieses Jahres das Autohaus von seinen Eltern übernimmt, ist er fast zwei Jahre nicht im elterlichen Betrieb, in dem er als Junior gearbeitet hat. Stattdessen machte er sich selbstständig, beschnitt im Auftrag Hecken, mähte Rasen, entrümpelte. „Ich habe nur Aufträge angenommen, wo ich zeitlich nicht unter Druck stand und alleine arbeiten konnte.“ Damit versucht er dem Druck zu entkommen, weil er inzwischen gelernt hat, dass er ihn schlecht erträgt. „Wenn heute einer zu mir sagt, du musst, gehe ich zum Angriff über. Ich muss gar nichts“, sagt er fast wütend.

Mit starkem Schwindel fing es an 

Ingo Bachmanns Leidensgeschichte und Odyssee durch den medizinischen Dschungel beginnt vor 17 Jahren. Damals ist er gerade Anfang 20. Er leidet an starkem Schwindel, fast ständig hat er Kopfschmerzen. In unzähligen Untersuchungen schließen die Ärzte eine organische Ursache aus.

2004 beginnt Ingo Bachmann seine erste Psychotherapie, drei Jahre später verbringt er einige Zeit in einer psychosomatischen Klinik. Er arbeitet, aber „ich musste mich häufig hinlegen, konnte an manchen Tagen gar nicht aufstehen. Aber meine Familie hat das getragen. Das war ein großes Glück für mich.“

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Während eines Familienurlaubes in Bulgarien 2013 – Ingo Bachmann ist bereits Vater und verheiratet – erleidet er einen Zusammenbruch. und will sich umbringen. „Ich hab nur noch totale Leere empfunden“, beschreibt er seinen Zustand. Nach der Reise sucht er seinen Hausarzt auf, der ihn an einen Psychiater überweist. Er arbeitet telefonisch die Liste der Therapeuten ab, die ihm seine Krankenkasse aushändigt – den frühesten Termin gibt es vier Wochen später. Er lässt sich in eine Akutklinik einliefern und bleibt dort acht Wochen. Zu dem Schwindel und den Kopfschmerzen sind schwere Depressionen und täglich unzählige Panikattacken gekommen.

Bis heute folgten immer wieder längere und kürzere Klinikaufenthalte, er macht Verhaltenstherapien, nimmt Psychopharmaka – es geht ihm „erträglich“. Er arbeitet, wenn auch mit Pausen und Ausfällen.

Selbstmordgedanken nach der Geburt seines Kindes

2016 verschlechtert sich sein Zustand plötzlich wieder. Am 2. Mai wird sein zweites Kind geboren, am 12. Juni will er sich mit seinem Motorrad totfahren. Er tut es nicht. Ein Arzt, den er stattdessen verzweifelt aufsucht, gibt ihm Beruhigungstabletten, Bachmann lässt sich in Bad Sooden-Allendorf von seiner Mutter abholen, er kann nicht mehr Auto fahren. Am nächsten Tag geht er nach Mühlhausen in die Psychiatrie, bleibt dort acht Wochen auf der tiefenpsychologischen Station. Eine Ärztin sagt zu ihm: „Sie wissen gar nicht, was Sie alles draufhaben.“ Das und die Zeit in der Klinik helfen etwas. „Danach ging es mir besser, aber nicht gut“, sagt er. „Ich will für meine Familie auch leben.“

Weil er nach wie vor keine geeignete ambulante Nachbehandlung findet, wendet er sich an den Verein Aufwind. „Aufwind hat mich damals aufgefangen.“ Inzwischen, nach vielen Jahren von „try and error“ hat er einen Therapeuten, den er zweimal wöchentlich aufsucht.

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Dennoch ist es für seine Mitmenschen, seien es Kollegen oder die Familie, oft nicht einfach. „Wenn es einem schlecht geht, ist man patzig. Am nächsten Tag tut es einem leid“, erzählt er.

„Ich versuche, mit meiner Depression zu leben und damit umzugehen“, sagt Ingo Bachmann. Dennoch hat er auch viele Aktivitäten eingeschränkt, wie sein Engagement bei der Feuerwehr oder beim Fußball, soziale Kontakte sind weniger geworden, manche Freunde verloren gegangen. Er weiß nie, wie der nächste Tag sein wird. „An einem Tag bin ich beim Open Flair in der ersten Reihe, am nächsten zwingt mich die Krankheit nieder.“ Eine Fassade, die er beherrscht, hilft im Alltag. Nach dem Gespräch geht er nicht zurück in die Firma, er schaut in den grauen Sommerhimmel und sagt „Heute ist die Welt ein Arschloch“ und holt den Rasenmäher aus der Garage.

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