Luther-Stück beleuchtet Reformation vor dem Hintergrund des Kapitals

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Luther-Stück in der Eschweger Stadthalle

Eschwege. Im Lutherjahr muss es Luther sein: In der Eschweger Stadthalle ist am Samstagabend das Stück „Martin Luther und Thomas Müntzer oder die Einführung der Buchhaltung“ gezeigt worden. Mit einem hervorragenden Ensemble und einer dynamischen Inszenierung wurde das etwas sperrige Stück aufpoliert.

Der Titel des Stückes, das die Schauspielbühnen in Stuttgart und das Euro-Studio Landgraf in der Eschweger Stadthalle gegeben haben, klingt etwas sperrig: „Martin Luther und Thomas Müntzer oder die Einführung der Buchhaltung.“ Denn im Luther-Jahr muss es eben Luther sein. Deshalb hatten die Bühnen dieses Stück von Dieter Forte, 1970 uraufgeführt, ausgegraben. Damals war es ein weltweiter Erfolg, galt es doch als scharfsinnig und scharfzüngig geschrieben.

Scharfzüngig, das mag man heute anders sehen, scharfsinnig ist es aber allemal noch. So erfährt Luther gleich am Anfang, dass seine Thesen beim Landesherrn auf großes Interesse stießen. Dass Kurfürst Friedrich der Weise bei der Vorstellung der ebensolchen auf der Latrine saß und nach Papier verlangte, verschweigt der Überbringer der frohen Botschaft wohlweislich. Den großen Köpfen der Politik galt Luther eben nur als Spielkarte im Machtpoker, an seinen Inhalten waren sie eher am Rande interessiert.

Im Zentrum dieses Pokers zwischen Friedrich, Kaiser Karl V. und dem Papst stand nach Forte der erste Vertreter von Globalisierung und Großkapitalismus, sozusagen die Finanzbranche in Personalunion: Jakob Fugger. Während die Kirche munter Ablässe und Reliquien verhökerte, handelte er geschickt mit den Stimmen für die Kaiserwahl. Da durfte sich das Publikum fragen, welches die größere Sünde war. Ganz Europa war bei ihm verschuldet, und so konnte Fugger die Puppen an seinen Fäden tanzen lassen. Eigentlich hätte das Stück also „Martin Luther und Jakob Fugger“ heißen müssen, die Reformation als internationales Geschäft - an dem letzten Endes nur Fugger verdiente.

Von 1514 bis 1525 wurde versucht, die wichtigsten Ereignisse nachzuzeichnen, ein großer Bogen, der große Themen überspannte: Glaubenskrise, Reformation, Machtpoker, Globalisierung, Kapitalismus, Bauernkriege. In schneller Folge rannten die Miniaturszenen durch die Ereignisgeschichte und erlagen prompt der Gefahr, sich im eignen Anspruch zu verlieren. Weniger wäre mehr gewesen, dazu noch mit einem klareren Fokus. Auf der Plus-Seite agierte ein hervorragendes Ensemble, bei dem es eine Freude war, beim rasanten Szenenwechsel zuzusehen. Mit großer Spielfreude wurden trockene Pointen gesetzt, es wurde geliebt, intrigiert und gestritten. Allen voran Marcus Born als Friedrich von Sachsen bot dem Zuschauer ein wahres Fest. So hatte das Stück vielleicht einen leichten Bart, Inszenierung und Akteure boten aber die Schauwerte, die den Besuch lohnenswert machten. 

Luther-Stück in der Eschweger Stadthalle

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