Interview mit Gleichstellungsbeauftragter

Gegen Konflikte: "Langfristig soll eine Männer-Wohnung im Kreis entstehen"

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80 Prozent der Care-Arbeit, hier ein Symbolbild aus der Altenpflege, werden von Frauen übernommen.

Im Interview mit unserer Zeitung spricht Gleichstellungsbeauftragte Thekla Rotermund-Capar über einen gesellschaftlichen Wandel, Fürsorge in Familie und Beruf sowie Altersarmut.

Der englische Begriff Care bedeutet Sorge, Fürsorge, Zuwendung. Care steht zunehmend im Zentrum der Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Thekla Rotermund-Capar.

Was hat sich an Ihrem Arbeitsansatz geändert?

Das Patriarchat, in dem wir alle leben, ist hierarchisch aufgebaut. Männer, Leistung, Geld und so weiter stehen nach wie vor über Frauen, Familie und (Für-)Sorge. Mein Auftrag war: Frauen nach oben zu fördern. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Folgen wie Kriege, Umweltzerstörung, Klimawandel, Burn-out und einer intensiven Auseinandersetzung damit erachte ich es im Sinne der Gleichstellung als dringend notwendig, Care ins Zentrum meiner Arbeit zu stellen.

Gleichstellungsbeauftragte Thekla Rotermund-Capar

Was genau bedeutet das?

Wenn man das Thema Care in den Fokus rückt, dann geht es zum Beispiel bei häuslicher Gewalt nicht mehr nur um Mann und Frau, sondern um die gemeinsame Sorge für das Kind. Wenn zusätzlich das Umfeld wie Großeltern, Nachbarn, Erzieher und Lehrer darauf achtet, dass es dem Kind gut geht, dann muss eine Behörde seltener eingreifen beziehungsweise das Problem wird früher erkannt und das Hilfesystem kann eingeschaltet werden.

Wie kam es zu dieser Änderung der Themenschwerpunkte?

Ich habe mich lange mit matriarchalen (im Anbeginn die Mutter) und patriarchalen Systemen (Vaterherrschaft) beschäftigt und zum Beispiel das Thema Familienfreundlichkeit betrachtet. In Betrieben zum Beispiel werden zu dem Thema nur Frauen angesprochen, etwa mit dem Angebot, Teilzeit zu arbeiten. So kommt es in der Folge zur Altersarmut bei Frauen. Außerdem stoßen Mädchen bei der Suche nach Ausbildungsplätzen immer noch auf Vorurteile, die ihre Selbstbestimmung verhindern. In Handwerksberufen ist das zum Beispiel das Vorurteil, dass Frauen nicht schwer heben können. Dabei sollte sich eher die Frage stellen, welche Angebote ein Betrieb vorhalten muss, damit Menschen gerne für ihn arbeiten und nicht altersarm werden müssen.

Wie können Sie als Gleichstellungsbeauftragte dem entgegenwirken?

Indem ich mich für Gleichberechtigung einsetze und Frauen und Männer ermutige, fürsorglich mit sich selbst umzugehen und an ihre eigene Stärke und ihre Fähigkeiten zu glauben. Außerdem fange ich so früh wie möglich an, das Thema zur Sprache zu bringen, indem ich zum Beispiel Schulen besuche.

Generell müssen Frauen und Männer darin gestärkt werden, eine andere Seite an sich zu leben, die zugewandt, empathisch und fürsorglich ist.

Wie setzen Sie das um?

Zum einen mit der Kampagne „Wirtschaft ist Care“. Denn Care-Arbeit spielt sich vor allem im Verborgenen ab, etwa in der Kinderbetreuung oder Pflege, und erhält kaum gesellschaftliche Anerkennung. Care-Berufe wie Alten- und Krankenpflege oder in der Gastronomie sind oft schlecht bezahlt. Dazu wird es am 13. März von 16 bis 18.30 Uhr an den Beruflichen Schulen in Eschwege einen Vortrag von Frau Prof. Dr. Gabriele Winker geben. Sie hat das Buch „Care Revolution – Schritte in eine solidarische Gesellschaft“ geschrieben.

Zum Thema „Wirtschaft ist Care“ gibt es auch Besuche in der Schule und meine Kolleginnen und ich werden das Thema im Rahmenprogramm der Ausstellung „Alles unter einem Hut“ Ende August praxisnah mit Kooperationspartnern wie den Landfrauen in zwei Gemeinden aufgreifen.

Außerdem beteiligen wir uns unter dem Motto Zuwendung am Equal-Care-Day, am 29. Februar ab 10.30 Uhr mit einer Filmmatinee im Eschweger Kino. Denn 80 Prozent der Care-Arbeit wird von Frauen übernommen, sei es zu Hause, im Ehrenamt oder im Sorgebereich.

Gibt es auch Angebote für Männer?

Ich habe das langfristige Ziel, dass eine Männerwohnung im Werra-Meißner-Kreis eingerichtet wird, in der mit gewalttätigen Männern an neuen Konfliktlösungsmöglichkeiten gearbeitet werden soll.

Außerdem brauchen wir dringend ein Projekt für männliche Migranten, die oft noch in extrem patriarchalen Strukturen leben, um mit ihnen Rollen-Vorbilder zu entwickeln, an denen sie sich neu orientieren können.

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