Nachruf

Der Mahner verstummt - Zum Tod des Eschweger Dramatikers Rolf Hochhuth

Letzter Besuch in seiner Heimatstadt: Nach einer Lesung in der vollbesetzten Stadthalle trug sich Rolf Hochhuth in das Goldene Buch Eschweges ein. Wie immer trug er das Jackett nur über die Schultern gelegt. 
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Letzter Besuch in seiner Heimatstadt: Nach einer Lesung in der vollbesetzten Stadthalle trug sich Rolf Hochhuth in das Goldene Buch Eschweges ein. Wie immer trug er das Jackett nur über die Schultern gelegt. 

Er galt als einer der wichtigsten deutschen Theaterautoren: Nun ist der Eschweger Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein Nachruf. 

Dass seine erste Lesung nach vielen Jahren in Eschwege an seinem 86. Geburtstag stattfinden sollte, war für Rolf Hochhuth im April 2017 kein Problem.

 „Ich bin sehr dankbar für die Einladung, endlich mal wieder in meiner Heimatstadt auftreten zu dürfen“, sagte er, als ihn einige Monate zuvor die Einladung der Werra-Rundschau erreichte. Nicht selbstverständlich, denn das Verhältnis zur Stadt seiner Vorfahren war nicht immer frei von Belastungen.

Am 1. April wurde Rolf Hochhuth in Eschwege geboren. Von 1941 bis 1948 besuchte er hier die Friedrich-Wilhelm-Schule. Doch die Schulzeit war ungeliebt – zumindest der Unterricht. 

Mit 17 Jahren verließ Hochhuth das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium

Mit 17 Jahren verließ er das Gymnasium und begann erst mal eine Lehre zum Buchhändler in der Buchhandlung Vollprecht am Stad. „Ich wollte Buchhändler werden, weil Sie sich unsterblich lächerlich machen, wenn sie sagen ,Ich will Schriftsteller werden’“, sagte er 2016 in einem Interview mit unserer Zeitung. 

Später arbeitete er in Marburg, Kassel und München und wurde 1955 Lektor im Hause Bertelsmann.

Hochhuth prangerte die Versäumnisse des Vatikans während der NS-Dikatur an

Gleich sein Erstlingswerk schlug ein. In „Der Stellvertreter“ (1963) prangerte er die Versäumnisse des Vatikans während der NS-Diktatur an und erregte dadurch weltweites Aufsehen. Sein Stück brachte auch die heile Welt in Eschwege durcheinander. Als in der Schülerzeitung „Laterne“ seiner ehemaligen Schule eine vernichtende Kritik an der schauspielerischen Leistung einer Aufführung von „Der Stellvertreter“ vom Direktor zensiert wurde, zog das hohe Kreise. 

Nach heftigen öffentlichen Debatten beschäftigte sich auch der Hessische Landtag mit dem Thema und entschied: Auch Schülerzeitungen fallen unter die Pressefreiheit. Hochhuth hatte indirekt wieder das Leben in seiner Heimatstadt mitgeprägt.

Rolf Hochhuths Verhältnis zur Heimatstadt war zeitweise angespannt

Und es ging weiter: Nach dem Tod seines Vaters hatte der 47-jährige Hochhuth 1978 den Wunsch geäußert, auf dem Eschweger Friedhof neben dem Familiengrab bestattet zu werden. Der Platz wurde gerade frei. 

Die Friedhofsordnung sollte eine langfristige Reservierung nicht mehr vorsehen, woraufhin Hochhuth sich mit Pfarrer und Bürgermeister anlegte. Beide blieben hart und Hochhuth bekam den Platz nicht, woraufhin er im Merian die Erlebnisse aus seiner Sicht schriftlich verarbeitete. Seitdem war Hochhuths Verhältnis zur Stadt angespannt. 

2001 nahm er allerdings auf Betreiben von Eschwege Ehrenbürgermeister Jürgen Zick die Ehrenplakette der Stadt an und zeigte sich anschließend versöhnlich.

Hochhuth war insgesamt viermal verheiratet und Vater von drei Söhnen. Seit den 1960er Jahren lebte er in Basel, später zog er nach Berlin um und lebte einmal mit Angela Merkel im gleichen Mietshaus. 

Lesung in der Stadthalle war 2017 letzter Besuch in Eschwege

2017 orakelte Hochhuth, dass die Lesung in der Stadthalle gleichzeitig sein letzter Besuch in Eschwege sein würde. Er sollte – wieder einmal – recht behalten. Hochhuth starb am Mittwochvormittag im Alter von 89 Jahren in seiner Berliner Wohnung, wie sein Herausgeber Gert Ueding bekanntgab.

Nach den Querelen um den Platz auf dem Eschweger Friedhof hatte Hochhuth umdisponiert. Begraben werden wolle er, sagte er 2008 in einem Interview, auf dem gleichen Friedhof, auf dem auch die Brüder Grimm liegen, auf dem Alten Sankt Matthäus-Friedhof in Schöneberg. 2004 musste er seine dritte Frau Ursula Euler begraben, er hatte zuvor dort gleich vier Gräber gekauft.

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