Interview mit Gesundheitsdezernent

Wallmann: „Eine Maske zu tragen, ist nicht zuviel verlangt“

Ein Scrabble Spielfeld zeigt die Wörter Corona, Virus, Schutz, Krank, Hilfe, Test oder Pandemie
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Rund um die Corona-Pandemie ranken sich viele Themen, Sorgen und Probleme: Vize-Landrat Dr. Rainer Wallmann erklärt, warum er die harten Maßnahmen für gerechtfertigt, eine vorsichtige Lockerung aber für geboten hält. Foto: Friederike Steensen

Die mögliche Lockerung von Corona-Auflagen treibt einige um und manchmal sogar auf die Straße. Darüber haben wir mit Vize-Landrat und Gesundheitsdezernen Dr. Rainer Wallmann gesprochen.

Ist es nötig, dass alle Menschen im Landkreis Masken tragen, wenn nur 16 Menschen nachweislich mit Corona infiziert sind?
Wir kennen die Dunkelziffer der Personen nicht, die das Virus tragen, aber keine Symptome zeigen. Wir wissen auch nicht, wie sich die aktuellen Lockerungen auf das Infektionsgeschehen auswirken. Es ist daher nicht zu viel verlangt, dass wir uns solidarisch mit geschwächten und infekt-empfänglichen Menschen verhalten. Also Hygiene- und Abstandsregeln weiter einhalten und Mund-Nasen-Bedeckung in öffentlichen Räumen tragen!
Manche Menschen tragen tapfer Masken, obwohl sie kaum Luft bekommen. Gibt es Abhilfe?
Personen, die wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen keine Mund-Nase-Bedeckung tragen können, können von der Maskenpflicht ausgenommen werden. Dies sollte jedoch durch ärztliches Attest belegt werden können, um Konflikte zu vermeiden. Man kann auch unterschiedliche Masken ausprobieren. Es wäre generell auch sinnvoll, wenn die Betroffenen öffentliche Räume meiden.
Viele werden nachlässig: Einige Supermärkte desinfizieren keine Einkaufswagen mehr, Menschen halten keinen Abstand...
Die rückläufigen Infektionszahlen sind sehr erfreulich, die zunehmenden Lockerungen suggerieren aber eine trügerische Sicherheit. Virologen warnen vor der „2. Welle“. Wir haben die Pandemie in der Region bisher gut bewältigt. Wir sollten weiter sehr vorsichtig sein, um die Neuinfektionen möglichst gering zu halten. Die Pandemie ist noch nicht vorbei.
An manchen Orten soll man 1,5 Meter Abstand halten, bei anderen zwei Meter. Wie erklären Sie den „Regel-Wildwuchs“?
Die Irritationen kann ich gut verstehen: Die Vielzahl der Vorgaben ist sehr verwirrend. Es gibt eindeutige Vorgaben der Landesverordnungen, wie etwa den Mindestabstand zu anderen Personen von 1,5 Metern und das Tragen von Mund-Nase-Bedeckung. Jedoch können Betreiber von Geschäften auf Basis des Hausrechts weitergehende Einschränkungen fordern. Wir bitten Geschäftsinhaber, möglichst klare und den Vorgaben des Landes entsprechende Hinweise zu geben.
Aktuell gibt es Debatten, nur noch „infektionsherd-bezogene“ statt landesweite Maßnahmen umzusetzen. Ist das für Sie ein Abwälzen der Verantwortung auf Landkreise – oder eine gute Idee?
Ich finde, es ist grundsätzlich sinnvoll, bei rückläufigen Infektionszahlen die landesweit gültigen Einschränkungen schrittweise auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren und fallbezogen auf lokale und regionale Maßnahmen überzugehen. Es muss aber in der Praxis umsetzbar sein! Unvorstellbar wäre für mich etwa, wenn bei den Einschränkungen in Gastronomie und Geschäften zwischen einzelnen Landkreisen unterschiedliche Regeln gelten. Die Menschen würden dann in die Nachbarkreise zum Einkaufen oder Essen fahren.
Was sagen Sie Bürgern, die eine überzogene Einschränkung der Grundrechte kritisieren?
Ich kann nur sagen, dass schwierige und gefährliche Situationen entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Menschen erfordern. Ich habe volles Verständnis dafür, dass die Einschränkungen der vergangenen Monate teils schwer zu ertragen waren. Daher dürfen sie auch nur temporär und sehr genau an den Verlauf der Pandemie angepasst erfolgen. Wir müssen die Entwicklung sehr genau beobachten und unbedingt verhindern, dass eine zweite Welle erneute Einschränkungen erforderlich macht.
Fanden Sie die Maßnahmen denn angemessen?
Wir können ja keinen wissenschaftlichen Versuch machen: „Ort A bekommt diese Maßnahmen, Ort B andere – und am Ende schauen wir, was sinnvoller ist.“ Mit Blick auf die schlimmen Zustände in China und Italien mussten wir schnell handeln. Ich glaube, dass die Entscheidung für strenge Maßnahmen nach Kenntnisstand Anfang März absolut richtig waren und dass wir nur so die stark rückläufigen Infektionszahlen erreichen konnten. Wir mussten auf die Vernunft der Menschen setzen. Daher danke ich allen für die verantwortungsvolle Umsetzung und Einhaltung der Maßnahmen.
Können Sie für Hygiene-Demonstrationen und Impfpflicht-Debatten Verständnis aufbringen?
Wir haben in Deutschland ein Demonstrationsrecht und das ist sehr gut so. Damit können Menschen öffentlich ihre Meinung vertreten. Leider werden aber immer wieder durch Falschinformationen Ängste geschürt. Wichtig finde ich daher, dass eine sachbezogene und keine rein emotional geführte Auseinandersetzung mit kritischen Themen erfolgt. Bisher gibt es keinen Impfstoff gegen Covid-19 und auch keine Impfpflicht. Diskussionen darüber müssen möglich sein, Argumente sollten aber sorgfältig abgewogen werden.
Was halten Sie von Forderungen, die Bevölkerung in größerem Stil zu testen?
Jeder Test ist nur eine Momentaufnahme, oft kann er eine Infektion erst zwei bis drei Tage nach der Ansteckung nachweisen. Daher bringt es uns kaum weiter, die ganze Bevölkerung zu testen: Das Ergebnis könnte sich täglich ändern. Es ist sinnvoll, bei Symptomen zu testen – oder in sensiblen Bereichen wie Altenheimen. Hier haben wir dank umfassender Tests mehrere Mitarbeiter identifiziert, die keine Symptome hatten, aber sich mit Covid-19 angesteckt hatten. Sie begaben sich in Quarantäne, so konnten wir die Ausbreitung in den betroffenen Heimen eindämmen.

Zur Person Dr. Rainer Wallmann

Dr. Rainer Wallmann (55) ist seit 2012 Vize-Landrat des Werra-Meißner-Kreises und als Dezernent für den Bereich Gesundheit zuständig. Zuvor war er Professor für Nachhaltige Energie- und Umwelttechnik an der HAWK-Hochschule in Göttingen. Der Grünen-Politiker lebt mit seiner Familie in Gertenbach. Die Corona-Pandemie brachte auch für ihn große Veränderungen: „In den ersten Wochen hatte ich nahezu durchgehend Abstimmungen und Entscheidungen zur Gestaltung der Krise. Ausschließlich in Form von Telefon- und Videokonferenzen und im Home-Office. Mittlerweile bleibt auch mal etwas Zeit, um aufs Fahrrad zu steigen und auf andere Gedanken zu kommen.

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