30 JAHRE GRENZÖFFNUNG 

Nach dem Mauerfall: Die Eschweger Innenstadt drohte aus allen Nähten zu platzen

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Ein normales Bild in jenen Tagen: Über Wochen platzte die Eschweger Innenstadt 1989 aus allen Nähten.

Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen Ost- und West-Deutschland geöffnet. Wir blicken zurück und sprechen mit Zeitzeugen über die bewegenden Tage im Herbst 1989.

Der Anruf erreichte den damaligen Eschweger Karstadt-Chef Willibald Murauer am Sonntagmorgen um 5 Uhr. Ob es Bürgermeister Jürgen Zick oder Magistratsmitglied Jörg Hartebrodt war, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Klar war: Das größte Kaufhaus am Platz musste an diesem 12. November 1989 die Türen aufsperren – und zwar so früh wie möglich. 

Murauer war der gleichen Meinung und setzte eine Telefonkette in Gang. Seine Abteilungsleiter organisierten die Mitarbeiter. Pünktlich um 8 Uhr wurden die Türen geöffnet und dann begann ein Tag, den die Eschweger Geschäftswelt so nie wieder erlebt hat, wie sich Karstadt-Abteilungsleiterin Gudrun Daniel erinnert.

„Es spielten sich unbeschreibliche Szenen ab“, erzählt Gudrun Daniel. Verkauft wurde an diesem Tag noch nicht so viel wie in den nächsten Wochen. „Viele wollten erst mal nur schauen.“ Die 100 D-Mark Begrüßungsgeld seien sehr sorgfältig eingesetzt worden.

Der Ansturm auf die Bananen 

In einer der wenigen Pausen schaute sich Gudrun Daniel an jenem Sonntag in der Eschweger Innenstadt um. Alle Geschäfte waren ähnlich belagert wie Karstadt. Beim Südfrucht-Händler Gerlach stapelten sich die leeren Orangen- und Bananenkisten vor dem Geschäft.

Begehrte Südfrüchte: Der Spar-Markt in Herleshausen verkaufte sie palettenweise. 

Die Karstadt-Mitarbeiter hatten indes in den Sozialräumen im Keller für die Kunden Kaffee, Tee und Gebäck organisiert. Gudrun Daniels Sohn hatte seiner Mutter seine Spielzeugautos mitgegeben, die sie unter den Kindern verteilte. 

„Alles war sehr emotional und es sind viele Tränen der Freude geflossen“, erinnert sich Gudrun Daniel, die damals selbst froh und dankbar über die Öffnung der Grenze war, an der die Schwebdaerin viele Jahrzehnte lebte. „Privat habe ich in diesen Tagen viele, auch enge, Freundschaften geschlossen, als ich in Thüringen unterwegs war.“

Verkehrschaos: In der gesamten Eschweger Innenstadt parkten die Trabbis und Wartburgs.

In den folgenden Wochen erarbeitete sich Eschwege seinen Ruf als Einkaufsstadt. Im Wortsinn. „Wir alle haben richtig geschuftet, haben es aber gerne getan“, sagt Daniel. Bei Karstadt in Eschwege habe sich im ersten Jahr nach der Grenzöffnung der Umsatz verdoppelt. Anderen grenznahen Karstadt-Häusern sei es ähnlich ergangen, wie Daniel bei den monatlichen Treffen erfahren hat. 

Karstadt Mitarbeiterin begeistert 

Man habe die Ware gar nicht so schnell ausstellen können, wie sie gekauft wurde. Ganze Lkw-Ladungen mit Damenbekleidung kamen in Eschwege an. Schwarze Lederjacken seien besonders begehrt gewesen – Farbfernseher sowieso.

In ihren 46 Jahren bei Karstadt hat Gudrun Daniel nichts Vergleichbares mehr in ihrem Berufsleben erlebt. „Nach der Geburt meines Sohnes war das das Größte.“

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