WR-Praktikant Mareew Abebe berichtet

Mein Leben als Flüchtling in Eschwege

Kam vor zehn Monaten in die Kreisstadt Eschwege: Marew Abebe stammt aus Äthiopien. Weil er dort als Journalist regierungskritische Artikel schrieb, wurde er gefoltert und eingesperrt. Fotos: Wüstefeld

Eschwege. Millionen Menschen sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und werden Flüchtlinge und Staatenlose. Viele von ihnen haben Geschichten zu erzählen, die man sich kaum vorstellen kann. Doch sie sind real. Das hier ist die Geschichte von Marew Abebe, seinem Leben, seinem Leid und seiner Reise. Sie steht für die Erlebnisse vieler Flüchtlinge.

Mein Name ist Marew Abebe (28) und ich komme aus Äthiopien. Ich habe als Journalist und Dozent in Äthiopien gearbeitet. Als Journalist habe ich dort immer wieder die Menschenrechtsverletzungen, die Zensur der Medien, Korruption und andere Skandale durch die äthiopische Regierung und ihre Tyrannen thematisiert und kritisiert. Leider hat die Regierung große Angst vor einer Revolte des Volkes, wenn das erfährt, was die Politik treibt. Es war schmerzhaft zu spüren, wie die Regierung mich ruhiggestellt und gequält hat, während ich in der Medienbranche tätig war.

Anfangs wurde ich gezwungen, entweder ein Mitglied der regierenden Partei zu werden oder sie wenigstens zu unterstützen. Dennoch habe ich weiter über die politischen Verfehlungen berichtet - gegen den Widerstand der Regierung. Sicherheitsdienste haben haben mich auf Schritt und Tritt überwacht und meine Telefonate abgehört. Mit Drohnachrichten via SMS wurde mir immer wieder von der Regierung befohlen, mit dem aufzuhören, was ich tat. Sie haben mich wirklich viele Male gewarnt, die Einschüchterungen gehörten zum Alltag. Immer wieder wurde ich gefoltert und ohne Anklage eingesperrt.

Es ist also nicht leicht, in Äthiopien ein Journalist zu sein. Es ist sogar fast unmöglich. Die Situation verschlechterte sich dann massiv, als die Regierungswahlen im Mai dieses Jahres ihre Schatten voraus warfen. In dieser Zeit begann eine Massenverhaftung von Journalisten.

Ich liebe mein Land und meinen Beruf, aber was ich noch mehr liebe, ist mein Leben. Und deshalb entschied ich mich gegen lebenslange Haft und Folter. Schließlich, Anfang Dezember 2014, sah ich mich endgültig gezwungen, mein Heimatland Äthiopien verlassen und floh nach Deutschland. Für mich war das die einzige Möglichkeit, mein Leben zu retten.

Das Leben im Gießener Flüchtlingslager

Es war der erste Dezember, als ich das Flüchtlingslager in Gießen erreichte und ich habe mich noch nie so verängstigt und einsam gefühlt. Es gab dort viele Flüchtlinge, Männer und Frauen, alte und junge Menschen aus verschiedenen Ländern mit vielen unterschiedlichen Lebenswegen. Dort lebte ich ohne Hoffnung, weil ich meine Verwandten und Freunde nicht erreichen konnte, sondern von Menschen umgeben war, die in ihrer Sprache, ihrer Kleidung und ihrem Miteinander komplett anders waren als ich. Ich konnte auch nirgends hingehen: Keine Verwandten und Freunde weit und breit, mit denen ich reden konnte und auch Deutsch sprach ich noch nicht. Und so geht es vielen Menschen, die dort ankommen und anderen wird es in Zukunft noch so ergehen. Ich hatte meine Heimat, meine Eltern, meine Freunde und meine Aufgabe hinter mir gelassen. Ich war ein Opfer einer schlechten Politik, in einem Land, wo es keinen Respekt für menschliches Leben, freie Meinungsäußerung, soziale Gerechtigkeit und Demokratie gibt. Bis heute leide ich psychisch an den Traumata, die ich durch die Folter der Sicherheitskräfte erlitt, ebenso wie an starkem Heimweh.

Was für mich in Deutschland zunächst wirklich schwer war, waren die kurzen Tage. Für mich scheint es den ganzen Tag dunkel zu sein. Schließlich stamme ich aus einem Land, wo Tag und Nacht immer die ungefähr gleiche Zeitspanne dauert. Für mich ist das eine seltsame Atmosphäre. Und dazu kam das im Winter extrem kalte Wetter mit so viel Schnee. Das ist neu und ungewohnt für jemanden, der sonst ein gemäßigtes Klima gewohnt ist. Jeden Morgen bin ich frierend aufgewacht, obwohl ich viele Klamotten, Stiefel und Schals hatte - also alles, was ich irgendwie kriegen konnte.

Ich war bereit, das alles anzunehmen. Von neuen Klima über die Kultur und die Sprache bis hin zur Ernährung. Mit der Zeit wurde das immer weniger schwer. Das waren jedenfalls meine ersten und wichtigsten Eindrücke. Das Leben in der Stadt Eschwege

Nach sechs Wochen in der Gießener Erstaufnahme wurde ich zu einem Ort namens Eschwege gebracht. Ich hatte zuvor noch nie etwas über diesen Ort und seine Lage gehört - bis ich plötzlich dort zusammen mit einigen anderen Flüchtlingen ankam.

Meine erster Eindruck war, dass Eschwege eine kleine, aber sehr friedliche Stadt ist. Wirklich beeindruckend, mit wie viel Hilfe wir für den Start in unser neues Leben empfangen wurden. Ich traf Menschen aus meinem Geburtsort und tauschte mich mit ihnen aus. Sie erklärten mir, wie das Leben hier funktioniert, wie sie auf neue Leute mit ihrer neuen Kultur und Sprache zugehen und auch, wie man im Supermarkt einkauft.

Ich bin glücklich, dass ich so schnell mit einem Deutschkurs beginnen konnte. Ich belegte Sprachkurse bei der Diakonie und der evangelischen Familienbildungsstätte-Mehrgenerationenhaus. In kurzer Zeit erfuhr ich dort so viel über die neue Sprache, die neue Kultur und einfach diese neue Art des Lebens. Deshalb mache ich weiter und belege Integrations- und fortführende Sprachkurse beim Bildungszentrum in Eschwege.

Von Marew Abebe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare