Meisensterben: Tod durch Lungenentzündung

Blaumeise Krankheit Tod
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Die kranke Blaumeise versucht erst zu trinken, dann sitzt sie mit aufgeplustertem Federkleid apathisch am Gartenteich und zeigt keinerlei Fluchtreflex.

Die Meisen sterben an einer bisher wenig bekannten Lungenkrankheit. Vor ihrem Tod sind sie aufgeplustert und apathisch.

Werra-Meißner. Am Gartenteich sitzt eine Blaumeise, sie ist aufgeplustert zu einer Kugel, spreizt alle Federn vom Körper ab. Sie scheint Durst zu haben, reagiert apathisch. Wenn sich ihr ein Mensch nähert, fliegt sie nicht weg, sondern bleibt sitzen, steckt den Kopf unter das Gefieder und döst. Offenbar leidet der Vogel an einer Krankheit, die sich seit März 2020 unter Blaumeisen ausbreitet. Die kranken Vögel sterben in der Regel schnell.

Fachwelt weiß wenig über Ursache 

„Die Fachwelt weiß wenig über die Ursachen“, erklärte Jörg Friedrich, Vogelschutzexperte des Kreises, noch vor wenigen Tagen. Das Veterinäramt teilte durch Kreissprecher Jörg Klinge mit, dass grundsätzliche Erkenntnisse nur über Untersuchungen und Analysen erkrankter oder verendeter Tiere gewonnen werden können.

Erste Vermutungen gehen Richtung Bakterien

Erste Mutmaßungen gingen in Richtung einer Infektion mit Bakterien oder Trichomonaden (Parasiten). Doch jetzt ist es gelungen, die Ursache zu identifizieren: Es ist ein Bakterium namens Suttonella ornithocola, das seit 1996 vorwiegend in Großbritannien vorkommt und bei kleinen Meisenarten Lungenentzündung verursacht, wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) erklärt. Der NABU sammelt Daten, um das Ausbruchsgeschehen zu verfolgen und geografisch zuzuordnen. Dazu kann die Sichtung von kranken und toten Vögeln gemeldet werden. „Die ersten Meldungen gingen bei uns am 11. März ein“, sagt Lars Lachmann, Leiter Ornithologie und Vogelschutz. „Innerhalb von zehn Tagen sind uns aus Deutschland 13 000 Verdachtsfälle des Blaumeisensterbens gemeldet worden, die etwa 26 000 Vögel betreffen.“ Erkenntnisse über das Verbreitungsgebiet wurden auf einer Karte festgehalten. „Dort erkennt man das Gebiet mit gehäuften Feststellungen toter Blaumeisen von der luxemburgischen Grenze bis zur Grenze nach Thüringen, daneben ein Gebiet um Oldenburg“, erklärt Lachmann. Aus dem Werra-Meiner-Kreis wurden über 60 Sichtungen gemeldet. Nicht nur Blaumeisen erkranken, vereinzelt auch Kohlmeisen oder andere Singvögel. Helfen könne man den erkrankten Vögeln nicht. „Das ist bei Wildvögeln nicht machbar, selbst wenn es geeignete Medizin gäbe“, erklärt Lachmann. Was man aber tun kann: Genau das, was den Menschen in der Corona-Krise geraten wird. Dafür sorgen, dass sich die Vögel nicht zu nahekommen und sich die Krankheit so ausbreitet – ‚bird distancing’ sozusagen. „Man sollte aufhören, die Vögel im Garten zu füttern“, erklärt Vogelschutz-Experte Wolfram Brauneis von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz. „Außerdem sollte man im Garten keine Pestizide spritzen, um die Tiere nicht zusätzlich zu belasten.“

Wie wirkt Krankheit auf die Population? 

Bleibt die Frage, wie schnell sich die Population von der Krankheit erholen kann. Dazu teilt Jörg Klinge mit: „Wichtig wird sein, der seit Jahren erkennbaren Verschlechterung des Lebensraums von Vogelarten entgegenzuwirken. Die Blaumeise ist von den Rückgängen bislang nicht sehr betroffen gewesen. Hier sind Hilfsmaßnahmen wichtig. Das fängt bei der Gestaltung des Gartens an, um dem Nahrungsrückgang (Insektensterben) entgegenzuwirken.“ Anstelle von Steinwüsten sollten in den Gärten Blühflächen, einheimische blüten- und fruchttragende Gehölze oder künstliche Nisthilfen angelegt werden.

Kranke Vögel melden: 

Wem kranke oder tote Vögel mit den beschriebenen Symptomen auffallen, kann diese über ein Online Formular beim NABU (www.nabu.de/meisensterben) melden und Fotos übermitteln. Die Sichtung kranker Vögel kann auch per E-Mail an Jörg Friedrich (friederichjoerg@gmail.com), den Vogelschutzexperten des Werra-Meißner-Kreises, gemeldet werden. Außerdem ruft der NABU dazu auf, an der Gartenvogelzählung vom 8. bis 10. Mai 2020 teilzunehmen unter stundedergartenvoegel.de. Dies helfe abzuschätzen, wie viele Vögel von der Krankheit betroffen seien. 

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