Interview: Berthold Diegel über seine Fortbildungsreise nach Israel und den Aufbau des Geschichtsunterrichts

„Mit authentischen Fällen beschäftigen“

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Vor Ort in Israel: Lehrer Berthold Diegel mit Redakteurin Franziska Kiele in Jerusalem. Foto: privat

Jerusalem/Eschwege. Berthold Diegel von der Anne-Frank-Schule in Eschwege war mit 21 weiteren Lehrern aus Hessen auf Fortbildungsreise in Jerusalem. Ziel der Fortbildung war es, den Lehrern aufzuzeigen, wie sie den Schülern in Zukunft das Thema Holocaust näherbringen können. Unsere Redakteurin Franziska Kiele hat Berthold Diegel nach Jerusalem begleitet.

Was hat Sie vor Ort in Israel besonders bewegt?

Berthold Diegel: Besonders positiv war für mich die Art und Weise, wie herzlich wir von unseren Gastgebern empfangen und betreut worden sind. Absolut beeindruckt war ich auch von dem Engagement der Referenten und der Qualität ihrer Vorträge. Trotz des stressigen Tagesprogramms ist es ihnen gelungen, die Aufmerksamkeit der Teilnehmer von morgens bis abends hoch-zuhalten.

Wie sah die Gruppendynamik bei der Fortbildungsreise aus?

Diegel: Die Entwicklung der Gruppe war toll. Die meisten kannten sich nicht und am Ende waren wir wirklich ein Team, das effektiv zusammen-gearbeitet hat und in der gemeinsamen Arbeit ein Team-Spirit entwickelt hat. Für den ersten Besuch dieser Art war es auch wichtig, dass der Kultusminister bei diesem Besuch dabei war, und auch an verschiedenen Veranstaltungen teilgenommen hat.

Was möchten Sie ihren Schülern im Unterricht zum Thema Holocaust nach ihrer Reise vermitteln?

Diegel: Wichtiger als das Was, ist für mich das Wie. Zum großen Teil haben mich die Ergebnisse in meiner Unterrichtsarbeit bestätigt. Wichtig ist, die Darstellung des Holocausts nicht darauf zu beschränken, was in der Zeit zwischen 1933 und 1945 passiert ist, sondern auch das Leben der Menschen davor und danach mitzubehandeln. Das zweite Prinzip, das von Yad Vashem postuliert wird, ist, das Thema aus einer persönlichen Perspektive zu betrachten. Das heißt, dass eine Figur oder eine Familie im Zentrum des Unterrichts steht. Im Rahmen der Auseinandersetzungen mit Biographien wird natürlich auch der gesellschaftliche Kontext mitreflektiert. Desweiteren sollte der Holocaust multi-perspektivisch betrachtet werden. Das heißt, sich nicht auf die Täter- oder Opferrolle zu beschränken, sondern nach Möglichkeit bei der Darstellung eines Falles mehrere Perspektiven zur Geltung zu bringen. Im Workshop wurde uns diese Vorgehensweise am Beispiel einer Deportation vorgestellt. Der Beschreibung dieser Deportation durch den SS-Verantwortlichen wurde die Schilderung einer Betroffenen gegenübergestellt. Dieser methodische Ansatz provoziert Fragen der Schüler und fördert die Entwicklung kognitiver Empathie.

Wie sieht derzeit der Geschichtsunterricht an ihrer Schule aus?

Diegel: Wir tragen den Namen Anne-Frank-Schule und im fünften Schuljahr ist Anne Frank zum ersten Mal Thema. Im siebten Schuljahr setzen sich viel Klassen mit einer Geschichte eines jüdischen Kindes auseinander. Wobei ich jetzt in Yad Vashem gelernt habe, dass man sich mit authentischen Fällen auseinandersetzen sollte, und nicht mit fiktiven, weil die Autoren dazu neigen, Stereotypen zu entwickeln. Die Realität wird in diesen fiktiven Fällen oft verfehlt. Im neunten Schuljahr lesen wir das Tagebuch der Anne Frank. Im zehnten Schuljahr wird das Thema Holocaust im Geschichtsunterricht behandelt. Alle Abschlussschüler fahren bei uns am Europatag nach Buchenwald. Das wird im Unterricht vor- und nachbereitet.

In Jerusalem haben Sie Hannah Pick-Goslar, die Freundin von Anne Frank, getroffen.

Diegel: Ja, ich war zwei Stunden bei ihr zu Hause. Da ging es um ihr persönliches Schicksal, um den Staat Israel und auch um ihre politische Einstellung. Unser Gespräch hatte aber auch viele persönliche Anteile. So hat sie lebhaft von ihren Besuchen Eschweges und der Anne-Frank-Schule erzählt und mir ihre Familie mit ihren drei Kindern und ihren elf Enkeln beschrieben. Ihre Tochter, die im Laufe des Vormittags zu uns stieß, hat sie darin bestärkt, die Einladung zur Eröffnungsfeier der Anne-Frank-Ausstellung in unserer Schule im Februar und März 2015 anzunehmen.

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