Montagsinterview mit Felix Martin (Grüne)

„Haltung statt Hass, Mut statt Angst“

Felix Martin ist Sprecher und Kreistagsvorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen. Hier ist er in Grebendorf bei einem Blühstreifen, für den er die Patenschaft übernommen hat.
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Felix Martin ist Sprecher und Kreistagsvorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen. Hier ist er in Grebendorf bei einem Blühstreifen, für den er die Patenschaft übernommen hat.

Felix Martin ist seit 2013 im Kreisvorstand für Bündnis 90/ Die Grünen und seit 2017 auch Sprecher der Partei. Im Interviewzieht verweist der 25-jährige Eschwegerauf neue Schwerpunkte für die Kommunalwahlen im nächsten Jahr.

Herr Martin, Sie gehen 2021 zum zweiten Mal als Vorsitzender des Kreisverbandes der Grünen in die Kommunalwahl. Was nehmen Sie aus dem vergangenen Wahlkampf in den kommenden mit?
Das ist eine spannende Situation, weil wir in einer vollkommen anderen Ausgangslage sind – sowohl was die politische Stimmung als auch was die Themen angeht, die heute eine wichtige Rolle spielen. Damals ging es viel um Geflüchtete und Integration. Heute spielen Klimaschutz, eine vielfältige Gesellschaft und die Verteidigung der Demokratie eine zentrale Rolle. Und es freut mich sehr, dass diese Themen jetzt auch in den Vordergrund geraten, da sie mir und uns ganz besonders am Herzen liegen.
Welche Themen sind in diesem Zusammenhang in Bezug auf die Pandemie-Lage besonders wichtig?
Die Corona-Pandemie ist eine schwierige Abwägungsfrage zwischen dem nötigen Gesundheitsschutz auf der einen Seite und der Wahrung unserer Grundrechte auf der anderen Seite. Sie ist mit harten Einschränkungen verbunden und trifft uns alle. Allerdings nicht alle gleich, manche Menschen sind stärker davon betroffen als andere und die Pandemie verschärft auch Ungleichheiten in der Gesellschaft. Jetzt ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, dass wir besonnen handeln, die körperliche Unversehrtheit schützen und dass wir Meinungsfreiheit leben. Angesichts der Ereignisse Ende August muss aber auch klar sein, dass Rassismus keine Meinung ist (Anmerkung der Redaktion: Felix Martin spricht hier von den Demonstranten, die am 30. August die Stufen des Reichstages gestürmt hatten). Jede Form der Menschenfeindlichkeit ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.
Was bedeutet das für die Kommunalwahlen im nächsten Jahr?
Haltung statt Hass, Fakten statt Fake-News und Mut statt Angst. Dieser Satz stammt aus unserem Programm-Entwurf für die Kommunalwahl. Wir haben im Januar einen sehr umfangreichen Programmprozess gestartet, der gerade zu Ende geht. Und die Frage von Demokratie und vielfältiger Gesellschaft spielt da eine große Rolle.
Wie ist das Programm entstanden?
Wir haben in diesem Jahr ein großes Experiment gewagt und Menschen über die Parteigrenze hinaus eingeladen, mit uns das Programm zu schreiben. Das ist auch geglückt und es haben sich viele Menschen beteiligt. Ende September wird dann bei einer Mitgliederversammlung über die einzelnen Punkte abgestimmt und diese werden gegebenenfalls geändert. Ich kann aber jetzt schon sagen: Klimaschutz, eine vielfältige Gesellschaft und Demokratie - das sind die zentralen Themen. Und es wird sehr deutlich, dass wir Klimaschutz nicht gegen soziale Gerechtigkeit ausspielen, sondern sie miteinander verknüpfen werden.
Welche Knackpunkte entstehen in diesem Zusammenhang?
Wie kommen wir zu mehr Mobilität mit weniger Verkehr? Wie kriegen wir eine nachhaltige, zukunftsfeste Wirtschaft hin? Wie wirtschaften wir ökologisch mit Blick auf die Betriebe und die Umwelt und wie nehmen wir gleichzeitig die Menschen mit? Wie bekommen wir es hin, der Gesundheitsbranche mehr Priorität einzuräumen? Diesen und weiteren Fragen haben wir uns in den letzten Monaten intensiv gewidmet.
In der Corona-Krise können Klimaschutzaktionen wie die Fridays-for-Future-Demonstrationen nicht stattfinden. Ist das Thema Klimaschutz im Moment auch politisch weniger zentral?
Sicher ist es so, dass die Pandemie sowohl räumlich als auch thematisch sehr zentral ist und auf alle Lebensbereiche ausstrahlt. Im Landtag in Wiesbaden werden beispielsweise die Auswirkungen der Pandemie ausführlich diskutiert. Ich habe aber auch den Eindruck, dass Klimaschutz eines der großen Themen ist. Genauso wie wir unsere Gesundheit erhalten wollen, sollten wir auch die Gesundheit unserer Erde erhalten.
Was können wir aus dieser Krise in Bezug auf den Klimaschutz mitnehmen, und können wir so weitermachen wie vor der Krise?
Ich hoffe, dass wir durch und aus dieser Krise auch etwas lernen. Für uns hat sich die Arbeitsweise stark verändert. Ich telefoniere jetzt viel häufiger anstatt zu Treffen zu reisen. Und da hoffe ich, dass wir technische Errungenschaften auch mitnehmen. Manchmal ist das auch anstrengend, dann ist es schöner, sich mit Menschen direkt zu treffen. Aber ich glaube, die Mischung macht es hier. Und wir haben durch die Corona-Krise auch gelernt, dass die Art, wie wir gewirtschaftet haben, nicht mehr zeitgemäß ist. Deshalb müssen wir hinkommen zu einer Wirtschaft, die kein „oder“ zwischen Ökonomie und Ökologie setzt.
Wie kann das hier im Kreis erreicht werden?
Wir haben 2012 ein Klimaschutzkonzept im Werra-Meißner-Kreis beschlossen, das von unserem Ersten Kreisbeigeordneten Dr. Rainer Wallmann konsequent umgesetzt wird. Außerdem wollen wir die Energiewende voranbringen und Energie einsparen. Wir machen viele Projekte im Kreis, auch um an die Verbraucher und Agrarwirtschaft zu appellieren. Unsere Landwirtschaft ist dabei schon auf einem guten Weg. Klar ist: Diesen Weg können wir nur gemeinsam bestreiten.
Sind Inhalte oder ist die Personalfrage zentraler?
Ich will noch mal deutlich machen, dass wir uns, mit Blick auf die Kommunalwahl, bisher ganz bewusst mit Inhalten beschäftigt haben. Wenn wir damit fertig sind, schauen wir aufs Personal. Diese Reihenfolge ist mir wichtig, auch wenn andere das erstaunlicherweise anders machen.

Zur Person

Felix Martin (25) ist seit 2013 Mitglied der Partei Bündnis 90/ Die Grünen und seitdem auch im Kreisvorstand des Werra-Meißner-Kreises – zunächst als Schatzmeister und seit 2017 auch als Vorstandssprecher. Außerdem ist er hessischer Landtagsabgeordneter der Partei und dort Sprecher für Arbeitsmarkt, Ausbildung, kommunale Finanzwirtschaft, Jugend, Antidiskriminierung und Queerpolitik. 

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