Motor der sozialen Ungleichheit stoppen

Coronapandemie: Schere zwischen Gewinnern und Verlierern der Krise geht auseinander

Homeschooling treibt die soziale Ungleichheit weiter voran.
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Homeschooling treibt die soziale Ungleichheit weiter voran.

Je länger die Coronapandemie und die damit verbundenen Einschränkungen andauerten, desto weiter gehe die Einkommensschere auseinander, sagt Holger Kindler, Gewerkschaftssekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nordhessen.

Werra-Meißner - Ein geringeres Einkommen aufgrund von Kurzarbeitergeld befeuere die bereits vor der Pandemie bestehenden sozialen Ungleichheiten zusätzlich, so Kindler. Doch die zunehmende Ungleichheit sei nicht nur an den pandemiebedingten Einkommensverlusten vieler messbar.

„Es geht auch um zusätzlichen, massiven Stress am Arbeitsplatz, der vor allem die betrifft, die zum Beispiel in den Kitas, Kliniken, als Paketzusteller oder im Einzelhandel arbeiten“, erklärt der Gewerkschaftler. „Das macht die Menschen fertig.“

Andere litten unter den gegenteiligen Folgen der Pandemie. „Das Hotel- und Gastgewerbe hat zwangsweise wenig zu tun“, so Kindler. Die Angestellten der Gastronomie litten neben der verordneten Bewegungslosigkeit außerdem unter einem geringen Kurzarbeitergeld und es fehle das Trinkgeld, das die ohnehin mageren Löhne sonst aufstocke.

„Homeoffice bietet einen geschützten Rahmen“

In einer prekären Lage seinen auch Minijobber, die zumeist als Erste ihre Anstellung verlieren und keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben, so der Experte. „Diese Gruppe hatte auch vor der Pandemie schon mit Problemen zu kämpfen und jetzt noch mehr.“

In der Krise seien außerdem die Angestellten gefährdet, die keine Möglichkeit auf Arbeit im Homeoffice haben. „Das Homeoffice bietet in der Pandemie einen geschützten Rahmen. Und eigentlich ist es das Ziel des DGB, einheitliche Standards zu finden, aber die Arbeitswelt geht jetzt auseinander“, erklärt Kindler die Unterschiede in der Krise.

Dabei setze sich die Ungleichheit nicht nur in der Arbeitswelt fort, auch im privaten Bereich und bei den Schulkindern gerate die soziale Frage ins Stocken. „Es hat sich in der Pandemie gezeigt, dass viele Frauen in systemrelevanten Berufen, wie der Pflege alter und kranker Menschen, arbeiten“, erklärt der DGB-Sekretär.

Das führe bei vielen zu einer enormen Belastung im Berufsalltag. „Und dann muss man sich fragen, was passiert zu Hause?“, sagt Kindler. Dort gehe die Belastung für eine Mehrheit der Mütter weiter, weil viele nicht selten auch die Kinderbetreuung während der pandemiebedingten Schulschließungen übernehmen, so der Gewerkschaftler.

Und von der Betreuungsqualität der Kinder im Homeschooling und den finanziellen Möglichkeiten jeder Familie hänge es wiederum ab, wie erfolgreich die Kinder in der Schule seien, so Kindler.

Die, die unter der Krise leiden, nicht aus den Augen verlieren

Auch ein besserer Zugang zu digitalem Lernen stärke die Chancengleichheit und helfe über die Pandemie hinweg, erklärt der Experte. „Im Werra-Meißner-Kreis haben alle Kinder, die einen Laptop benötigten, auch einen bekommen“, erläutert Jörg Klinge, Pressesprecher der Kreisverwaltung.

„In der Arbeitswelt haben das Kurzarbeitergeld und die Sozialversicherungen Massenentlassungen verhindert und Arbeitslose gut unterstützt“, sagt Holger Kindler vom DGB Nordhessen.

Trotzdem sei noch mehr zu tun. So fordert die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten die Politik auf, ein Mindest-Kurzarbeitergeld von 1200 Euro einzuführen.

Mit Blick auf die Auswirkungen der Krise warnt Holger Kindler außerdem, all jene, die unter der Krise in besonderem Maße gelitten haben, nicht aus den Augen zu verlieren. „Bei der Frage der Rückzahlung der pandemiebedingt angehäuften Schulden dürfen diese Menschen nicht zusätzlich belastet werden.“ (Kim Hornickel)

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