Bei Schlaganfall bleiben  maximal viereinhalb Stunden Zeit

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Dr. Edgar Bollensen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Werra-Meißner in Eschwege, am Überwachungsmonitor im Stroke Unit, über den alle Vitalfunktionen der Patienten permanent überwacht werden. 

Nach einem Schlaganfall bleiben den Betroffenen viereinhalb Stunden Zeit. Vergeht mehr Zeit sind die Schäden oft irreparabel.  

Eschwege– 270 000 Schlaganfälle ereignen sich jedes Jahr in Deutschland. Sie stellen die dritthäufigste Todesursache dar und sind für acht Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Viele Patienten bleiben dauerhaft behindert. Für die spezialisierte Behandlung stehen den Betroffenen deutschlandweit über 300 Schlaganfall-Stationen (Stroke Units) zur Verfügung. Eine davon befindet sich in Eschwege. Wir sprachen mit dem Chefarzt der Neurologie am Klinikum in Eschwege, Dr. med. Edgar Bollensen anlässlich des morgigen Tages des Schlaganfalls.

Was genau ist ein Schlaganfall?

Ein Schlaganfall ist eine akute Durchblutungsstörung des Gehirns, hervorgerufen durch ein Blutgerinnsel. Dieses verstopft ein Blutgefäß im Gehirn, wodurch das betroffene Gehirnareal seine Funktion einstellt und im schlimmsten Fall abstirbt.

Welche Folgen hat ein Schlaganfall?

In aller Regel haben die Patienten halbseitige Lähmungen im Gesicht sowie im Arm und Bein. Es können auch Sehstörungen auftreten. Manche Patienten können nicht mehr sprechen oder verstehen Worte nicht mehr.

Was sind die Alarmzeichen eines Schlaganfalls?

Genau das. Plötzlich auftretende Lähmungen, Seh- und Sprachstörungen.

Sonst gibt es keine eindeutigen Symptome?

Manchmal nein. Das ist ja das Fatale daran. Die Betroffenen haben in der Regel keine Schmerzen, sodass sie oftmals dann auch nicht sofort eine Notaufnahme aufsuchen.

Welche Bedeutung hat der Faktor Zeit bei einem Schlaganfall?

Bei dem kleinsten Verdacht sofort den Notarzt oder Rettungsdienst rufen. Die Rettungsdienstmitarbeiter sind geschult, um einen Schlaganfall zu erkennen. Dann wird der Patient sofort in die nächste Klinik gebracht, die über eine Schlaganfall-Einheit verfügt. Das ist hier für den Werra-Meißner Kreis in Eschwege.

Was passiert als Erstes in der Klinik?

Die weiße Stelle markiert abgestorbenes Gewebe im Gehirn, ein Schlaganfall in der Kernspintomografie.  

Der Patient wird in der Notaufnahme bereits vom diensthabenden Neurologen erwartet, der schon über das „Ivena-System“ informiert ist. Dann wird der Betroffene sofort einer Computer-Tomografie unterzogen. Über ein zusätzliches Kontrastmittel lassen sich auch die Arterien des Gehirns darstellen. Bei der sogenannten „Thrombolyse“ wird ein Medikament verabreicht, um das Blutgerinnsel aufzulösen. Sind größere Hirngefäße betroffen, sind die Medikamente in der Regel nur eingeschränkt wirksam und wir überstellen den Patienten nach Göttingen in die Universitätsmedizin. Dort wird versucht, das Gerinnsel mittels eines Katheters zu entfernen.

Wie viel Zeit hat man, damit ein Patient nicht bleibende Schäden davonträgt?

In der Regel maximal 4,5 Stunden. Diese Zeit steht zur Verfügung, um betroffene Gehirnareale zu einem größeren Teil oder ganz zu retten. Danach sind die Chancen eher gering und Teile des Gehirns sterben unwiderruflich ab. Betroffen sein können die Kraft, Motorik, das Sehen und die Sprache.

Erholt sich das Gehirn von einer so massiven Schädigung?

Ja, das ist möglich. Das Gehirn ist plastisch und kann so neue Verbindungen der Nerven schaffen. Wie gut das gelingt, hängt auch ein bisschen vom Alter und der Konstitution des Patienten ab. Ein jugendliches Gehirn kann sich schneller und besser regenerieren als das eines alten Menschen.

Welche Therapien nach dem Akutfall gibt es?

Zunächst kommen die Patienten auf die Schlaganfallabteilung (Stroke Unit) – eine spezielle Einheit in unserem Haus mit vier Betten. Hier steht ein spezialisiertes Team von Ärzten, Pflegepersonal und Therapeuten rund um die Uhr zur Verfügung. Dort bleiben die Patienten in aller Regel ein bis drei Tage, werden dann entweder auf eine normale Station verlegt, in eine Reha geschickt oder gehen wieder nach Hause.

Wie viele Patienten behandeln Sie jedes Jahr mit Schlaganfällen?

Etwa 450 hier im Klinikum in Eschwege. Die Patienten kommen aus dem Werra-Meißner-Kreis und angrenzenden Landkreisen. Statistisch müssen wir hier mit mindesten 350 Schlaganfällen im Jahr rechnen.

Was sind die Risikofaktoren für einen Schlaganfall?

Ein erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, haben Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes und starkem Übergewicht. Aber auch Vorhofflimmern, also ein zeitweiser oder dauernd unregelmäßiger Herzschlag, kann einen Schlaganfall auslösen. Denn durch das Flimmern bilden sich Blutgerinnsel, die über die Blutbahn ins Gehirn gelangen können.

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