"Lädchen für alles": Nahversorger von Aufwind ist Inklusionsprojekt und Begegnungsstätte

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Lädchen für alles: Brigitte Zeuch (links) kauft gern in dem Lädchen in der Eschweger Innenstadt ein. Mitarbeiterin Lilianna Nowakobski berät die Kundin.

Eschwege. Die Hälfte der knapp einhundert Mitarbeiter sind gehandicapt. Sie arbeiten in den sieben „Lädchen für alles“ im Werra-Meißner-Kreis in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen – angestellt bei Stellenwert, einer Tochtergesellschaft des Vereins Aufwind.

„Unsere Mitarbeiter sind in der Regel unabhängig von staatlichen Transferleistungen“, sagt Aufwind-Vorstand Matthäus Mihm. Der Arbeitgeber bekommt für Mitarbeiter mit schwerer Behinderung einen sogenannten Minderleistungsausgleich, der zwischen zehn und zwanzig Prozent des Arbeitgeberbruttos ausmacht. „Für jeden Euro, der als Förderung fließt, kommen drei Euro zurück“, sagt Mihm.

 „Ein riesiger volkswirtschaftlicher Gewinn“, findet Knut John vom Lebensmittelkonzern Tegut. Der Erfinder der Lädchen sieht in der Kooperation mit Aufwind die „Keimzelle“ des Projektes. Neben den sieben Lädchen im Werra-Meißner-Kreis gibt es weitere in anderen Regionen Hessens sowie in den benachbarten Bundesländern – dreißig insgesamt. „Wir haben versucht, Inklusion umzusetzen, und das ist uns auch ganz gut gelungen“, sagt John.

Anforderungen an Beschäftigte sind anspruchsvoll

Die Anforderungen an die Beschäftigten sind durchaus anspruchsvoll. „Jeder muss alles können“, gibt Abteilungsleiterin Ingrid Möller den Standard vor. Die Leiterin der Lädchen-Filiale in Eschwege berichtet von intensivem Kundenkontakt ihrer Mitarbeiter und daraus resultierender großer Zufriedenheit.

4000 Produkte stehen in den Regalen. Zum Vergleich: Ein großer Lebensmittelmarkt hat bis zu 25.000 im Warensortiment, ein durchschnittlicher Discounter lediglich 1800. Rund 400 Menschen kaufen pro Tag in dem kleinen Ladengeschäft in der Innenstadt ein. Viel Laufkundschaft sei dabei, aber auch viele alte Menschen, die regelmäßig ihre Einkäufe erledigen. „Für die bedeutet das ein Stück Eigenständigkeit“, so Möller. Und genau das ist neben dem Inklusionsgedanken der Anspruch an die Lädchen.

Lädchen sind ein Treffpunkt

In Eschwege gebe es einen zentrumsnahen Lebensmittelmarkt und „in den Dörfern wieder einen Mittelpunkt, einen Treffpunkt“, so Mihm. Das treffe insbesondere für die kleineren Orte zu, wie zum Beispiel auf Gertenbach. Dort entstand vor acht Jahren das erste Lädchen im Kreis und das zweite insgesamt. John: „Je länger Menschen sich selbst versorgen können, umso selbstständiger sind sie und umso länger können sie in der gewohnten Umgebung leben.“

Die sieben Lädchen im Werra-Meißner-Kreis machen einen Umsatz von rund sieben Millionen Euro pro Jahr. „Angesichts der geringen Gewinnmargen sei das nicht viel“, sagt Mihm. Unter dem Strich rechnet sich das Engagement aber trotzdem. Auch Tegut hält an dem Modell fest. In ein neues Regalsystem im Eschweger Lädchen wurde gerade ein fünfstelliger Euro-Betrag investiert.

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