Streitpunkt auch in Eschwege

Bonpflicht nervt die Händler

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Streitpunkt: Von der neuen Bon-Pflicht halten die wenigsten Einzelhändler und Kunden im Altkreis Eschwege etwas, wie eine Umfrage ergeben hat.

Die seit 1. Januar geltende Bonpflicht sehen Händler, aber auch Kunden mehrheitlich kritisch. Das System sei nicht zu Ende gedacht.  

Geld zahlen, Brötchen nehmen – und ab nach Hause an den Frühstückstisch. Das funktioniert so jetzt nicht mehr. Für jeden Verkauf – und wenn es um einen Betrag von 20 Cent geht – müssen Einzelhändler seit dem 1. Januar 2020 einen Kassenbon für ihre Kunden ausdrucken. Das stößt auf überwiegend kritische Meinungen. Wir haben uns dazu im Altkreis umgehört.

Finanzämter gehen jährlich von zehn Milliarden Euro Schwarzgeld pro Jahr aus

Martin Stange, Obermeister der Bäckerinnung Werra-Meißner, hält die neue Vorschrift für zu undurchdacht. „In der Presse ist häufig der Vergleich mit Italien zu lesen, wo es das Gesetz seit 25 Jahren gibt.

Der entscheidende Unterschied ist aber: In Italien ist der Kunde verpflichtet, den Bon mitzunehmen“, erklärt Stange. Das sei hier nicht der Fall. Hier müssten nur die Kassierer den Bon ausdrucken.

„Das Finanzamt geht wegen einer Studie davon aus, dass die Händler in Deutschland zehn Milliarden Euro jährlich am Staat vorbeiwirtschaften, weil sie Transaktionen nicht einbongen“, erläutert Martin Stange.

Bons sind gut für die Buchführung 

Er bezweifelt, dass sich durch die neue Vorgabe etwas ändert. „Drei Prozent unserer Kunden wollen einen Kassenzettel, allen anderen ist das vollkommen egal“, so Stange.

Generell findet er den Ansatz gut, da Bons für ihn als Geschäftsführer der Bäckerei Stange aus Hoheneiche mit Filialen in mehreren Orten wichtig für die Buchführung sind. „Leider wurde das Ganze nicht zu Ende gedacht. Da hätte man genauer nach Italien blicken sollen.“

Niemand will die neue Bonpflicht?

Staat soll lieber große Finanzverbrecher verfolgen 

Ähnlich wenig von der Bon-Pflicht hält Manfred Döhle, der die Avia-Tankstelle in der Eschweger Innenstadt betreibt. „Das ist doch Quatsch, damit haben wir Händler mehr Arbeit als alles andere“, schimpft er. Außerdem findet er den Grundgedanken unsinnig, damit Steuerhinterziehung zu vermeiden.

„Was habe ich denn davon, wenn ich einem Kunden ein Bounty verkaufe und ein paar Cent in die eigene Tasche wirtschafte? Fürs Tanken drucke ich ohnehin Kassenzettel aus. Und wenn ein Kunde für kleinere Beträge in der Vergangenheit einen haben wollte, hat er den auch bekommen“, so Döhle. Er findet es schade, dass der Staat nicht an die großen Finanzverbrecher rangeht, sondern den Einzelhandel mit neuen Vorschriften belegt.

Tonnen Papier verschwendet 

Auch Kunde Felix Leitermann aus Lengenfeld unterm Stein ist beim Einkauf eines belegen Brötchens in einer Bäckerei in der Eschweger Innenstadt wenig begeistert davon, dafür einen Kassenzettel zu erhalten. „Das ist einfach unsinnig. Niemand behält Bons für so kleine Beträge. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie viel Tonnen Papier durch diese Pflicht verschwendet werden.“

Andere Geschäftsleute indes haben kein Problem mit der Umstellung – weil es für sie keine ist. So berichtet Andrea Mangold von der gleichnamigen Eschweger Fleischerei davon, dass ihre Kasse automatisch Bons ausdruckt, sobald etwas abgewogen und eingegeben wird – selbst wenn es nur ein einzelnes Wurstbrötchen ist.

Erste Eindrücke zur neuen Belegpflicht

Kassenbons landen in Hofgeismar im Müll: Seit dem 1. Januar müssen Geschäfte für jeden Einkauf einen Beleg ausdrucken. In der Bäckerei Amthor im Edeka Super 2000 in Hofgeismar landen viele direkt im Müll. Ein ähnliches Problem besteht in Fritzlar-Homberg.

Mindestlohn, Wohngeld & Bon-Pflicht: Das ändert sich 2020

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