Journalist und Historiker Dr. Tillmann Bendikowski als Festredner zu Gast

Neujahrsempfang des Kirchenkreises: Ehrenamt hat keine Krise

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Sprach unterhaltsam über das Helfen: Festredner Dr. Tillmann Bendikowski aus Hamburg ist Journalist und Historiker.

Eschwege. Zum Neujahrsempfang des Kirchenkreises Eschwege hatten Dekan Dr. Martin Arnold und Präses Ludger Arnold nicht nur zahlreiche Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft eingeladen, sondern auch den Journalist und Historiker Dr. Tillmann Bendikowski eingeladen.

Er sprach unterhaltsam zum Thema „Helfen. Warum wir für andere da sind.“ Wir beleuchten vier zentrale Punkte seines Vortrags.

1. Überraschendes

Das hat sich für Bendikowski während der Flüchtlingskrise offenbart. Man war erstaunt über die Hilfsbereitschaft der Deutschen, als die Flüchtlingswelle ihren Höhepunkt erreichte. Wobei die Überraschung für Bendikowski weniger groß war als für die Öffentlichkeit. „Das Ehrenamt hatte in Deutschland nie eine Krise. Im Gegenteil: es ist eine stabile Größe, die zunimmt.

Genauso überrascht war Bendikowski, dass die Helfer später diffamiert wurden. Toleranz, Hilfsbereitschaft und Helfen wurden als naiv hingestellt und mit dem Begriff des Gutmenschen verunglimpft.

2. Mitleid

 Mitleid beschreibt Bendikowski als Grundvoraussetzung, anderen zu helfen. „Mitleid ist echte Menschenliebe“. Empathie, die Mitleidsfähigkeit, sei momentan modern und gefragt. Für echtes Mitleid müsse man auch mal über seinen Schatten springen. Bendikowskis Beispiel hatte kabarettistisches: „Wenn Donald Trump einem schwulen, illegalen, im Straßengraben liegenden Latino helfen würde.“

3. Kultur des Helfens

Im Publikum waren auch zahlreiche ehrenamtliche Helfer aus der Gesellschaft eingeladen. Der Vorteil des Ehrenamts, so Bendikowski, sei, dass der freiwillige Helfer das tun kann, was er für richtig hält. Das mache ihn unberechenbar. „Er sucht sich die Menschen heraus, denen er mit seinen Fähigkeiten am besten helfen kann.“ Das sei der gravierende Unterschied zum Staat. Der ist gerechter und berechenbarer, weil er jedem hilft, der anspruchsberechtigt ist. „Deswegen wird das Ehrenamt niemals den Sozialstaat ersetzen können“, sagt Bendikowski. Ansonsten wird man das Ehrenamt überstrapazieren.

Die Kultur des Helfens habe in Deutschland eigentlich immer gut funktioniert. In zwei Phasen der Geschichte allerdings nicht. Im Dritten Reich sei diese Kultur des Helfen umgekehrt worden und kollabierte dadurch. In der DDR wurde die Kultur des Helfens fehlgedeutet. Die Solidarität untereinander und das Helfen wurden durch die Mangelwirtschaft künstlich provoziert.

4. Grenze des Helfens

Die Schule des Helfens finde in der Familie statt. Dort lernen die Kinder im besten Fall, dass es sich auszahlt zu helfen. In der Pflege von Angehörigen werde das Helfen aber überstrapaziert. Fast immer sei das die Aufgabe der Frau. Entstanden seien dadurch sogenannte Sandwich-Mütter: Sie ziehen noch ihre Kinder groß und umsorgen schon die Alten. „Ganze Generationen wurden durch diese Arbeit geschreddert“, befindet Bendikowski.

Nicht verbreitet sei in unserer Gesellschaft unterlassene Hilfeleistung. „Das ist die seltene Ausnahme.“ Jeden Tag müsse man selbst aber die Grenze des Helfens neu definieren. Das gelte auch für die Ehrenamtlichen an diesem Abend.

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