Volontär Lasse Deppe wollte wissen, wie spendabel Eschweger sind

Betteln und Gitarre spielen für neun Euro und eine Bratwurst

Eschwege. Wie Spendierfreudig sind Eschweger vor Weihnachten. Volontär Lasse Deppe von der Werra-Rundschau hat in der Eschweger Innenstadt den Test gemacht und sich verkleidet als Bettler und Straßenmusiker ausgegeben.

Unterwegs als Bettler und Straßenmusikant

Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, den Kopf gesenkt, sind das einzige was ich sehe, die Beine der vorübergehenden Passanten. Möglichst keinen der Blicke einfangen, die zwischen Mitleid und Verachtung schwanken. Inständig hoffen, nicht erkannt zu werden.

Spielen ist besser als betteln: Mehr Einnahmen erzielt Lasse Deppe damit aber nicht.

Die Situation ist mir äußerst unangenehm, denn auch wenn ich den Bettler nur spiele, fühle ich mich hier wie ein Mensch zweiter Klasse, wie ein Aussätziger. Das liegt unter anderem daran, dass manche Menschen aus ihrer Verachtung keinen Hehl machen. „Geh arbeiten, dann brauchst du hier nicht zu sitzen“, ruft ein Mann aus einer kleineren Gruppe. Das raunt er mir nicht leise als Hinweis zu, sondern brüllt es aus 30 Metern Entfernung. Einige Passanten drehen sich um, ich schäme mich.

Aber es geht auch anders: Gerade habe ich die ersten zwei Münzen in meinem Pappbecher, da tippt mich eine ältere Frau an, fragt: „Sie haben Hunger?“ und reicht mir eine Bratwurst im Brötchen. Kurz überlege ich, ob ich mich erkläre, sage dann aber nur „Danke“. Ich hatte mir doch vorgenommen, das gesammelte Geld zu spenden. Eine alte Bratwurst macht keinen glücklich, also esse ich sie und freue mich über die kleine Aufwärmung.

Denn auch wenn ich auf einer Decke sitze und dick angezogen bin, kriecht die Kälte schon nach wenigen Minuten unbarmherzig die Glieder hoch. Nach und nach bekomme ich ein paar Euro. Außer der Dame mit der Bratwurst, spricht aber keiner der Spender mit mir. Und obwohl ich am Ende nur etwa 30 Minuten gesessen habe, bin ich froh, weiterzuziehen. 5,50 Euro sind meine Ausbeute.

Befreit von der Verkleidung stehe ich wenige Minuten später am Stad hinter meinem Gitarrenkoffer und spiele ein paar Akkorde. Zupfen geht nicht, innerhalb kürzester Zeit sind die Finger durch die Kälte unbeweglich. Trotzdem fühle ich mich wie befreit. Denn endlich habe ich wieder ein gutes Gefühl dabei, den Passanten ins Gesicht zu sehen. Manchen ist die Freude über ein paar Gitarrenklänge anzusehen. „Die Menschen in Eschwege sind Ihnen sehr dankbar“, sagt ein Mann, der ein paar Cent in den Koffer wirft. Viel zu selten gebe es Straßenkunst am Stad. Nur wenige Minuten später habe ich sogar einen Fan. Die kleine Hannah kann vermutlich noch nicht allzu lange laufen, tanzt aber ausgelassen zur Musik.

Lasse Deppe

Zwar habe ich nach exakt der gleichen Zeit zwei Euro weniger gesammelt, als beim Betteln. Doch etwas für das Geld zu bieten ist ein gutes Gefühl. Und hochgerechnet sind neun Euro und eine Bratwurst auch kein schlechter Stundenlohn. Tauschen möchte ich aber unabhängig vom Geld mit keinem, der auf diese Weise sein Geld verdient.

Das gesammelte Geld wird der Eschweger Tafel gestiftet.

Von Lasse Deppe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare