„Nicht nur auf Finanzbereich fixiert“

Interview: FDP-Kreisvorsitzender Max Grotepaß zur Kommunalwahl

Der FDP-Kreisvorsitzende Max Grotepaß: Wenn man das Amt des Bürgermeisters mit dem des Kreistags kombiniere, würden sich Interessenkonflikte ergeben.
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Der FDP-Kreisvorsitzende Max Grotepaß: Wenn man das Amt des Bürgermeisters mit dem des Kreistags kombiniere, würden sich Interessenkonflikte ergeben.

Seit 2018 ist Max Grotepaß (33) Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Werra-Meißner. Wir sprachen mit ihm darüber, wie sich die Partei vor der Kommunalwahl 2021 positioniert.

Herr Grotepaß, Sie gehen 2021 erstmals als Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes in eine Kommunalwahl. Wie gehen Sie den Wahlkampf an?

Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken gemacht, wollten zu Beginn des Jahres Workshops mit unseren Mitgliedern machen, um diese noch stärker bei der Themensetzung einzubinden – viele Dinge mussten nun aber wegen der Corona-Pandemie verworfen werden. Selbstverständlich gehen wir aber auch mit der Zeit und werden den Wahlkampf noch digitaler gestalten und auch im Internet Werbung schalten.

2016 erreichte die FDP im Kreis 4,9 Prozent der Stimmen. Was ist dieses Mal das Ziel?

Natürlich wollen wir uns verbessern. Die FDP hat die schwierige Zeit in der außerparlamentarischen Opposition in Deutschland hinter sich gelassen. Ich glaube, wir haben uns mittlerweile bei den Themen viel breiter aufgestellt, sind nicht mehr nur auf Steuern und den Finanzbereich fixiert. Wir sind zuversichtlich, damit mehr Leute anzusprechen. Eine feste Prozentzahl haben wir aber nicht vor Augen.

Stichwort Themen: Was möchte die FDP den Wählern im Kreis anbieten?

Bildung ist uns sehr wichtig: Wir leben in einem rohstoffarmen Land und sie ist die beste Möglichkeit, sozial aufzusteigen. Wir werden demnächst unseren Wahlprogrammprozess abgeschlossen haben. Dort werden sich klassische FDP-Themen wie etwa die Digitalisierung finden, aber auch neue. Die Corona-Pandemie hat nochmals den großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung aufgezeigt. Die Menschen mussten sich fragen, wieso sie plötzlich von den einfachsten Dienstleistungen abgeschnitten waren, nur weil das Rathaus wegen der Pandemie geschlossen ist. Es geht uns darum, zu zeigen, dass Digitalisierung für alle Seiten positive Effekte hat – auch in den Rathäusern werden so Kapazitäten für andere Aufgaben frei.

Von welchen neuen Themen sprechen Sie?

Wir sprechen uns für den Erhalt der Kulturlandschaft im Werra-Meißner-Kreis aus. Wir leben in einer landwirtschaftlich geprägten Umgebung. Viele Kommunen haben Waldbesitz und der Wald wird durch den Borkenkäfer und den Klimawandel stark gefährdet. Außerdem sprechen wir uns für ein aktiveres Wolfsmanagement aus. Es muss möglich sein, Wölfe zu entnehmen, wenn Weidetierhaltern derart große Schäden entstehen, denn wir brauchen diese an unserer Seite. Sie sind es, die unsere Landschaft pflegen. Ich glaube, wir sind die einzige Partei, die sich dieser Sache glaubhaft annimmt.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Das Problem wird derzeit immer größer, weil die CDU-geführte Landesregierung nichts unternimmt. Außerdem haben wir mit Wiebke Knell eine glaubhafte Vertreterin in der Landtagsfraktion.

Im Falle der Stölzinger Wölfin plädieren Sie also für einen Abschuss?

Ich sehe keine andere Möglichkeit, denn uns wird vor Augen geführt, dass die Schutzmaßnahmen nicht greifen. Der Wolf ist ein faszinierendes Tier und ich bin kein Wolfshasser, aber wenn man die Auswirkung sieht, ist es unumgänglich.

Auf Bundesebene war zuletzt die Rede davon, die FDP zu einer Partei der Arbeit zu machen. Wie will man das auf kommunaler Ebene bewerkstelligen?

Wir wollen von den reinen Finanz- und Steuerthemen wegkommen und darstellen, dass wir auch andere Themen besetzen. Wir haben in der Bundesrepublik über Jahrzehnte ein Aufstiegsversprechen gehabt: Wer sich anstrengt, der kann durch eigene Leistung vorankommen. Das war ein Thema, das vor allem die Sozialdemokratie besetzt und viele Arbeitnehmer gewonnen hat. Dort sehen wir aktuell eine Lücke. Heutzutage ist dieser Aufstieg nicht mehr so leicht wie früher. Es wird durch steuerliche und bürokratische Belastungen für die Mittelschicht schwieriger, sich Wohlstand aufzubauen. Das ist ein Bereich, in dem wir künftig auch den klassischen SPD-Wähler ansprechen könnten.

In den vergangenen Monaten wurde das Werben der SPD um parteilose Bürgermeister im Landkreis für die eigene Wahlliste zum Streitpunkt. Wie steht die FDP dazu?

Ich will keine SPD-Schelte betreiben, das können andere machen. Wenn man das Amt des Bürgermeisters mit dem des Kreistags kombiniert, dann ergeben sich ohne Zweifel Interessenkonflikte. Wie soll ein Bürgermeister bezüglich der Kreisumlage abstimmen, wenn die seine eigene Kommune belastet? Deswegen plädieren wir – unabhängig von der Parteizugehörigkeit – dafür, dass kein Bürgermeister im Kreistag sitzen sollte.

Ein großes Thema ist der Hausarztmangel im Kreis. Wie möchte die FDP dieses Problem lösen?

Das Landarztstipendium ist eine schöne Sache, genauso wie die Förderung von Gemeinschaftspraxen – letztlich sind diese Dinge aber auch nicht der große Wurf. Ich finde langfristige Ansätze, die auf Prävention abzielen und sozusagen versuchen, das Gesundheitssystem zu entlasten, noch viel spannender. Ziel ist es beispielsweise, mit den Programmen Gemeindeschwester 2.0 und den Gesundheitslotsen die Belastung der Ärzte vor Ort und der Krankenhäuser zu senken – und somit natürlich etwas für die Leute zu tun.

Welche Lehren können der ländliche Raum und der Werra-Meißner-Kreis aus der Corona-Pandemie ziehen?

Ein Virus hat es im ländlichen Raum schwerer, sich zu verbreiten als in einem Ballungsgebiet. Dort erkennt man auch die Lebensqualität der Region. Ich möchte aber auch davor warnen, zu sagen, der Kreis profitiert von Corona. Das halte ich alleine vor dem Hintergrund von 16 Toten und Hunderten Krankheitsfällen für sträflich. Mit einer politischen Bewertung möchte ich mich deswegen zurückhalten. Eine Sache störte mich aber in den vergangenen Monaten beim Thema Pandemie besonders.

Welche?

Ich möchte nicht noch einmal erleben, dass im ganzen Land Schulen und Kindergärten geschlossen sind und die Politik sich zuerst Gedanken darüber macht, wann man wieder an der Adria Urlaub machen kann. Es gibt kaum eine wichtigere Sache als Bildung. Deswegen war es sehr bedauerlich, dass Familien und Kinder erst sehr spät von den Lockerungen profitierten. (Maurice Morth)

Zur Person

Max Grotepaß (33) ist seit 2018 Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Werra-Meißner. In der Partei ist er seit 2003 Mitglied. Er ist verheiratet, wird im Oktober zum zweiten Mal Vater und lebt in Großalmerode. Zeitweise wohnt er auch in Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis – dem Arbeitsplatz seiner Ehefrau. Grotepaß ist Geschäftsführer einer Immobiliengesellschaft mit Sitz in Kassel. 

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