Annemarie Weymar ist nicht nur ein Bücherwurm, sie singt auch leidenschaftlich gern

101 und noch nicht leise

Inmitten ihrer Aquarelle: Annemarie Weymar hat immer gern gemalt. Ihre Bilder wurden sogar schon im Rathaus ausgestellt. Derzeit zieren 20 ihrer Bilder die Gemeinschaftsräume im Pflegeheim und sie malt auch Gratulationskarten für die Heimbewohner. Foto: G. Skupio

Eschwege. Ihr ganzes Leben hat Annemarie Weymar den Büchern verschrieben und liest bis heute für ihr Leben gern. Am Samstag feierte die Eschwegerin ihren 101. Geburtstag.

„Nur dreimal habe ich Eschwege für längere Zeit verlassen“, weiß das Geburtstagskind zu berichten. Nach dem Abitur an der Friedrich-Wilhelm-Schule war die Buchhändlerlehranstalt in Leipzig ihr erstes Ziel, es folgte eine Lehre zur Bibliothekarin in Stuttgart. „Anschließend habe ich vier Jahre in München gearbeitet und dort bei der Frau meines Cousins und ihren beiden Jungs gewohnt“, erinnert sich Annemarie Weymar und schwärmt vom Baden in der Isar und den Ausflügen in den Englischen Garten. Klaus Kistler, einer der Söhne ihres Cousins, und seine Frau besuchen sie noch heute im Pflegeheim Lindenhof und reisten natürlich auch zum Geburtstag extra aus Bad Kissingen an.

Der Krieg bringt ein jähes Ende, die Verwandten in München werden ausgebombt, Annemarie Weymar kommt als Stabshelferin nach Holland. „Mit meiner Lithographieausbildung war ich dort bis zum Kriegsende tätig“, berichtet die gelernte Bibliothekarin. Per Bus flüchtete sie dann an der Nordseeküste entlang nach Elmshorn zu Verwandten. Und von dort radelte sie mit dem Fahrrad bis nach Eschwege zurück.

Annemaries älterer Bruder Gebhard bleibt in Ostpreußen verschollen, ihr acht Jahre jüngerer Bruder Helmut ist Flieger und überlebt einen Abschuss über London mit einer schweren Kopfverletzung. Zunächst hilft Annemarie, deren Taufname eigentlich Anna Maria Elisabeth lautet, bei den Eltern, findet jedoch bald eine Anstellung bei Woelm in der betriebseigenen Bibliothek:

„Da habe ich mich vielleicht gefreut, endlich zurück zu den Büchern!“, schwärmt die Eschwegerin, die mit dem Umzug in den Lindenhof vor gut zwei Jahren ihre große Büchersammlung aus Platzgründen der Stadtbibliothek gestiftet hat.

Erst im Alter widmet sich Annemarie Weymar wieder der Malerei, die ihr bereits zu Schulzeiten sehr viel Freude bereitete. „Ich habe etliche Kurse an der Volkshochschule belegt und auch einmal ein Ölbild gemalt, aber ich war gegen die Pinselauswaschung allergisch und bin daher bei den Aquarellen geblieben“, berichtet die Künstlerin.

Trotz ihrer Heimatverbundenheit ist sie weit herum gekommen: Sie war in Südfrankreich, Mallorca, Italien und Tunesien. Auch Korsika, Teneriffa, Griechenland, Bulgarien und Ägypten hat sie schon gesehen: „Bis zum Mittelmeer bin ich gekommen und habe zweimal meine Schulfreundin Marga Freudenthal in Israel besucht, die als Jüdin in den Kibbuz flüchten musste.“

Bis ins hohe Alter hat sich Annemarie Weymar Neugier und Aufgewecktheit bewahrt. Sie singt noch immer gern, nimmt an der Gymnastik teil und hat mit Begeisterung bei Walzermusik am Rollatorentanz teilgenommen. (gus)

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